Belliphonie im Mittelalter: Im Interview mit Hannah Potthoff
Tobias Enseleit
Klirrende Schwerter, dumpfes Trommeln, scheppernde Rüstungen, wiehernde Pferde, Kommandorufe und Schmerzensschreie – unsere Vorstellung von mittelalterlichen Kämpfen und Schlachten ist eng verknüpft mit Geräuschen und Klängen, denen wir insbesondere in Spielfilmen, Serien und Videospielen begegnen. Doch was lässt sich über Klänge und Geräusche für Mittelalter im Kontext von Kampf und Krieg eigentlich aussagen?
Mit dieser Fragestellung hat sich das DFG-Forschungsprojekt ›Der laute Krieg und die Laute des Krieges. Belliphonie im Mittelalter‹ an der Technischen Universität Chemnitz in den letzten drei Jahren beschäftigt. Wir haben mit Hannah Potthoff gesprochen, die im Rahmen des Projekts zur Belliphonie im Hochmittelalter ihre Dissertation geschrieben hat.
Mittelalter Digital: Liebe Hannah, viele von uns werden mit der Darstellung von Geschichte in der Populärkultur groß – und erhalten darüber eine Vorstellung, wie das Mittelalter geklungen haben mag. Was hat dich an dem Thema so fasziniert und wie schwierig war es für dich, dich von klanglichen „Vorerfahrungen“ freizumachen?
Hannah Potthoff: Von den eigenen Hörerfahrungen und -erinnerungen kann man sich leider nicht freimachen! Klirrende Schwerter zum Beispiel, einer der ersten Laute, die einem in den Sinn kommen, wenn man an Krieg im Mittelalter denkt, kenne ich hauptsächlich aus Filmen. Das beeinflusst natürlich mein Verständnis mittelalterlicher Texte. Aber genau das macht das Thema spannend. Obwohl man selbst nicht in einem mittelalterlichen Krieg mitgekämpft hat, kann man sich die entsprechenden Sounds vorstellen.
Mittelalter Digital: Abseits von Notationen haben wir ja nicht mehr wirklich viel aus dem Mittelalter, das uns Klang direkt vermittelt – abseits natürlich von Klangbeschreibungen in Texten und Möglichkeiten der (experimentellen) Archäologie Gegenstände heute wieder zum Klingen zu bringen. Mit welchen Quellen hat sich das Projekt beschäftigt und welche waren insbesondere für deinen Forschungsschwerpunkt relevant?
Hannah Potthoff: Ich habe mich in meinem Dissertationsprojekt mit Texten der mittelhochdeutschen Literatur sowie lateinischen Chroniken und historischen Epen beschäftigt. Die höfische Literatur wird nach wie vor hauptsächlich in der germanistischen Forschung verwendet. Bei einer sinnesgeschichtlichen Perspektive auf die Quellen zeigt sich jedoch, dass sie für geschichtswissenschaftliche Fragestellungen relevant sind. Dass man, wenn man einen Helm trägt, schlechter hört und sieht, die Sinne also eingeschränkt werden, wird zum Beispiel nur im Erec und damit in einem Artusroman thematisiert, in dem keine Belagerung oder Schlacht vorkommt.
Mittelalter Digital: Welches konkrete Erkenntnisziel verfolgten das Projekt und deine Dissertation?
Hannah Potthoff: Mir ging es in dem Projekt nicht nur darum, wie etwas klingt, denn wir hören heute sowieso ganz anders als die Menschen im Mittelalter. Sondern ich habe mich gefragt, wann und wie und in welchen Situationen Sounds erzählt werden und was sie zur Erzählung, zur Erinnerung an Kriege, aber letztendlich auch zur Militärgeschichte beitragen.
Mittelalter Digital: Insbesondere literarische Quellen wie Romane und Epen schildern Kriege und Schlachten ja sehr anschaulich – mit Artusromanen und dem Nibelungenlied hast du dich ja selbst beschäftigt. Für mich waren die Texte immer sehr voraussetzungsreich, weiß man ja erst nach ein wenig Recherche, welche Waffe oder welcher Rüstungsteil sich hinter einem mhd. Begriff verbergen – und wie diese dann als Klangkörper funktioniert haben mögen, darüber hat man sich eigentlich nie Gedanken gemacht. Wie hast du dich dem Thema methodisch genähert?
Hannah Potthoff: Oft kann man leider nur vermuten, was genau die Figuren tragen und welche Waffen sie genau verwenden. Allerdings sind diese Details für die Erzählung meistens nicht wichtig. Ich habe mich auf die explizite Erwähnung von Sounds konzentriert, unter anderem auf Schlagworte wie klingen, laut oder Lärm. Rüstungen beispielsweise werden so gut wie nie explizit lautlich erwähnt:
Sie klingen selbst nicht und werden im Gegensatz zu Schilden und Helmen auch nicht ausdrücklich getroffen. Ich vermute, dass es auch daran liegt, dass Rüstungen sehr unterschiedlich waren und jede Rüstung unterschiedlich klingende Teile beinhaltet hat. Das ist sehr schwierig zu erzählen. Ein Schlag mit einem Schwert auf einen Helm, egal, wie dieser geformt ist, produziert eindeutig immer einen Sound von Eisen auf Eisen (oder Stahl).
Helme sind in mittelalterlichen Texten "Klangträger" – Verwundete und Sterbende bleiben wie Pferde hingegen stumm (Bildnachweis: Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, Große Heidelberger, Liederhandschrift (Codex Manesse), Zürich, ca. 1300 bis ca. 1340).
Mittelalter Digital: Eine ganz grundlegende und womöglich schwierig zu beantwortende Frage: Auf was hätten sich unsere Ohren einstellen müssen, wenn wir Teilnehmer einer hochmittelalterlichen Schlacht gewesen wären?
Hannah Potthoff: Vor allem auf eine enorme Lautstärke! In den von mir untersuchten Texten wird immer wieder deutlich gemacht, dass Kämpfen laut ist. Und zwar so sehr, dass sich die Lautstärke nur mit Sounds aus der Natur, zum Beispiel Hagelschauern, vergleichen lässt. Konkreter wird man die Laute von Schwertern und Lanzen, Helmen und Schilden hören sowie Trompeten und Hörner.
Außerdem plausibel, in den mittelalterlichen Texten jedoch nicht explizit gemacht, sind Schreie und alle Laute, die Pferde produzieren. Auch das Bewegen in Rüstung erzeugt Laute, die plausibel sind, aber an keiner Stelle erwähnt werden. Insgesamt werden Schlachten und Belagerungskämpfe meist als lärmend bezeichnet, ohne einzelne Laute zu erwähnen, die wahrscheinlich in einem Gedränge auch nicht mehr differenzierbar sind.
Mittelalter Digital: Klangwahrnehmung ist naheliegender Weise mit dem Hören verbunden, das allerdings wieder eingeschränkt werden kann. Insbesondere das Tragen, Verlieren und Nichttragen von Helmen spielt in mittelalterlichen Kampfbeschreibungen eigentlich immer eine Rolle – auch in lautlichen Kontexten? Immerhin sollte das Helmtragen das Hören relativ einschränken.
Hannah Potthoff: Hier habe ich nur einen konkreten Hinweis gefunden, und zwar wie schon erwähnt im ›Erec‹. Hier befinden sich Erec und seine Frau Enite auf der Suche nach Aventiuren. Erec trägt, um sich als kampfbereiter Ritter auszuweisen, eine Rüstung und einen Helm. Dadurch hört und sieht er schlechter, als Enite es tut, die als Frau natürlich ungerüstet reitet.
Somit erkennt sie Gefahren früher und muss Erec warnen. Dies wird in dem Werk vom Erzähler erklärt und ist für den Verlauf der Handlung wichtig. Denn eigentlich, das geht aus dem ›Wigalois‹ des Wirnt von Grafenberg, aber auch aus dem ›Nibelungenlied‹ hervor, ist es ungewöhnlich, den Helm beim Reiten auf dem Kopf zu tragen; er wird meistens am Sattel festgebunden.
Helme gehören aufgrund der großen sinnlichen Beeinträchtigungen, die mit ihrem Tragen einhergehen, nur im Kampf auf den Kopf – ansonsten schleppt man sie mit herum (oder hat Personal dafür) (Bildnachweis: Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, Große Heidelberger, Liederhandschrift (Codex Manesse), Zürich, ca. 1300 bis ca. 1340).
Mittelalter Digital: Hast du dir auch angeschaut, wie sich das Hören im Vergleich zu und im Zusammenspiel mit anderen Sinneswahrnehmungen verhält?
Hannah Potthoff: Das Erwähnen von Lauten in den von mir untersuchten Texten hängt eng mit dem Sehen zusammen. So kann man zum Beispiel Dinge aus der Entfernung hören, die man noch nicht sehen kann. Wichtig ist das Hören außerdem nachts, wenn die Sicht eingeschränkt ist. Das Riechen, Schmecken und Fühlen hingegen werden wenig bis gar nicht explizit erzählt. Nach dem Visuellen ist das Akustische das, was am häufigsten erzählt wird.
Mittelalter Digital: Mittelalterliche Autoren verwenden ja in der Regel dieselben Begriffe, die wir heute auch verwenden würden, um Lärm und Geräusche auf dem Schlachtfeld zu beschreiben: Das Nibelungenlied erzählt etwa von Siegfried, „seine Schläge hörte man laut die Helme treffen, so dass Blut aus den Wunden floss“ (Aventiure 4, 230). Geben die Quellen Begriffe und Umschreibungen von Geräuschen her, die uns völlig fremd sind, oder gibt es Veränderungen in Begriffsbedeutungen vom Mittelhoch- zum Neuhochdeutschen? Und wie seid ihr euch im Projekt und hast du dich im Speziellen solchen Beschreibungen angenähert? Gab es bspw. Versuche, Texte wieder erklingen zu lassen?
Hannah Potthoff: Sounds werden grundsätzlich realistisch beschrieben. Schwerter und Helme klingen, Menschen schreien, weinen und rufen, Trompeten erklingen. Laute werden außerdem selten umschrieben. Jedoch werden Waffensounds teilweise mit Metaphern und Vergleichen dargestellt, zum Beispiel wenn Pfeile wie Regen oder Hagel auf Helme und Schilde treffen. Auch die menschliche Stimme wird – sicherlich übertrieben – im Nibelungenlied an einer Stelle mit der Lautstärke eines Horns verglichen.
Dabei geht es darum, sowohl die Stärke des Rufenden, in diesem Fall Dietrich, zu verdeutlichen als auch plausibel zu machen, dass diese Stimme gerade alle Kämpfe übertönt. Zum Vergleich wird dabei ein Instrument herangezogen, von dem bekannt ist, dass es eben Kampflaute übertönen kann. In unserem Projekt haben wir keine Laute nachgestellt, weil es für die narratologische Untersuchung der Texte auch nicht unbedingt notwendig ist.
Allerdings haben sich schon einige Fragen ergeben, deren experimentelle Beantwortung für das Textverständnis sowie für die Militärgeschichte spannend wäre. Zum Beispiel, welche Laute man Helm und Rüstung tragend noch hören kann, oder inwiefern eine Feldherrnrede vor der Schlacht für das ganze Heer hörbar ist.
Wie wird nach Schlachtbeginn miteinander kommuniziert? Für die Feldherrenreden, die uns überliefert sind, betont die Forschung deren Fiktionalität und Stilisierung (Bildnachweis: British Library, Add. 38659 fol. 170).
Mittelalter Digital: Der Schwerpunkt deines Projekts untersucht die narrativen Funktionen von Lauten in historiographischen und literarischen Kriegserzählungen des Hochmittelalters: Wir lesen immer wieder von (in der Regel) fiktiven und anspornenden Reden vor einer Schlacht, von artikulierten Drohwettkämpfen und Schmähungen, aber auch bspw. in historiographischen Quellen von himmlischen Heerscharen, die das Kriegsglück zugunsten einer Partei wenden. Welche unterschiedlichen Sounds finden sich in mittelalterlichen Texten und welche Funktion üben sie in diesen narrativen Kontexten aus?
Hannah Potthoff: Im ›Carmen de gestis Frederici‹ beispielsweise tritt die Furie Alekto auf, die Mailand anstachelt, sich gegen Barbarossa aufzulehnen. Sie bläst dabei in eine Trompete und ruft damit akustisch zum Kampf auf. Während der Sound selbst vorstellbar ist, ist er natürlich so in dieser Situation nicht erklungen. Allerdings wird durch den Auftritt der Furie deutlich, dass es für den Erzähler keine andere Erklärung für das erneute Aufbegehren Mailands gibt. Für die Erzählung tritt dementsprechend ein himmlisches Wesen auf, der Sound ihrer Trompete ist für alle in der Stadt hörbar und wird als Aufruf zum Kampf gedeutet.
Insgesamt zielen Sounds oft darauf ab, eine Schlacht als besonders heftig oder einzelne Kämpfende als besonders fähig hervorzuheben. Ansonsten müssen die Laute immer auch in ihrem Kontext betrachtet werden, da ist jede Situation unterschiedlich.
Mittelalter Digital: Gibt es Klänge, die uns in Funk und Fernsehen gerne begegnen, die so gar nichts mit dem zu tun haben, was wir aus einer mediävistischen Beschäftigung mit der Belliphonie lernen können?
Hannah Potthoff: Das ist nur sehr schwierig nachzuvollziehen. Sehr bekannt ist ja zum Beispiel, dass Schwerter, die aus der Scheide gezogen werden, anders als im Film dargestellt gar keinen Sound machen. Es wird in den mittelalterlichen Texten vor allem viel ausgespart, was in einer audiovisuellen Darstellung stattfinden kann. Wie eben die Pferde und Rüstungen, die oft gar nicht erwähnt werden. Auch Schmerzensschreie werden in der Regel in den Texten nicht erzählt.
Ansonsten finden sich viele Aspekte von kriegerischen Darstellungen, wie wir sie aus Filmen oder auch Büchern kennen, ähnlich auch in der hochmittelalterlichen Literatur: Massenkämpfe werden als ein lärmendes Durcheinander dargestellt oder aber die Handlung fokussiert auf einen Helden, der inmitten der Schlacht einen Zweikampf führt und sich trotz Schlachtlärm noch unterhalten kann. Grundsätzlich gilt: Wenn ein Sound erzählt wird, wird er mindestens vom Publikum gehört und erfüllt in der Regel auch immer eine Funktion.
Mittelalter Digital: Zum Abschluss die Frage: Wie können sich nun Interessierte näher mit dem Thema beschäftigen? Gibt es bereits Publikationen aus dem Projekt heraus?
Hannah Potthoff: Es gibt bereits einige Aufsätze von Martin Clauss, die sich mit der Belliphonie des Mittelalters beschäftigen. Ansonsten ist ein Blogartikel zu Ritualen und Belliphonie erschienen (https://www.ucy.ac.cy/netmar/rituals-and-the-sound-of-war/), in dem es um das Rolandslied geht. Demnächst erscheint außerdem ein epochenübergreifender Sammelband zum Sound des Krieges und sehr bald hoffentlich auch meine Dissertation.
Mittelalter Digital: Liebe Hannah, vielen Dank für die spannenden Einblicke!
Das Interview führte Tobias Enseleit.