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›Bartmann Goes Global‹: Im Interview mit Dr. Christian Röser

„Ein weltweites Phänomen“ – so werben aktuell sehr beliebte Kinderproduktionen für sich. Doch weltweite Phänomene sind keine Erfindung der modernen Populärkultur. Bereits die Vormoderne konnte Vergleichbares vorweisen. Wir stellen euch ein Phänomen vor, dessen Ursprünge in die Umbruchszeit zwischen Mittelalter und früher Neuzeit zurückverfolgt werden können und sprechen dafür mit Dr. Christian Röser, der sich in einem internationalen Team in den letzten Jahren mit ihm beschäftigt hat. Die Rede ist von den sog. Bartmannkrügen!



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Dr. Christian Röser ist Archäologe und seit 2020 wissenschaftlicher Referent am LVR-LandesMuseum Bonn. Er studierte in Bonn Vor- und Frühgeschichte, Mittelalterliche Geschichte sowie Volkskunde und promovierte über die Ausgrabungen und Ortsgeschichte eines Dorfes im rheinischen Braunkohlenrevier, das seit dem Hochmittelalter bestanden hatte. Er beschäftigt sich mit diversen Themen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, wobei besondere Schwerpunkte auf der Keramikforschung und der Anwendung digitaler Verfahren liegen. Zurzeit arbeitet er mit einem internationalen Team von Wissenschaftler*innen im Forschungsprojekt ›Bartmann Goes Global – the cultural impact of an iconic object in the early modern period‹.



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Neben der Reliefdekoration wurden vor allem in der Zeit um 1600 auch farbige Akzente mit kobaltblauer Bemalung gesetzt.



Mittelalter Digital: Lieber Christian, stell uns zur Einführung doch einmal vor, was ein Bartmannkrug eigentlich ist – und wie es dazu gekommen ist, dass du dich heute so intensiv mit ihm beschäftigst.



Christian Röser: Wenn man wie ich als Archäologe im Rheinland arbeitet und sich dabei auch mit dem Mittelalter und der frühen Neuzeit beschäftigt, begegnen einem die Bartmannkrüge irgendwann fast zwangsläufig. Für mich richtig begonnen hat die Beschäftigung mit ihnen aber als die Idee zum Forschungsprojekt ›Bartmann goes global‹ an uns herangetragen wurde.



Bartmannkrüge sind zunächst einmal eine bestimmte Gruppe von Keramikgefäßen, die in der Frühen Neuzeit unheimlich populär und sehr weit verbreitet war. Der Name bezieht sich auf eine unterhalb des Randes angebrachte Reliefmaske, die ein bärtiges Gesicht zeigt und dass es in vielen verschiedenen Ausformungen gibt.



Wichtig ist auch das Material dieser Gefäße: Die eigentlichen Bartmannkrüge waren stets aus Steinzeug gefertigt. Das ist eine besonders heiß gebrannte Keramikgattung, die dadurch sehr robust und auch wasserundurchlässig wurde. Dieser funktionale Aspekt trug sicherlich zum großen Erfolg der Bartmannkrüge bei.



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Fragmente von Bartmannkrügen finden sich heute in vielen archäologischen Ausgrabung und helfen bei der zeitlichen Einordnung.



Mittelalter Digital: Die Ursprünge der Bartmannkrüge lassen sich bis in die 1520/30er Jahre zurückverfolgen, also in jene Zeit, die hierzulande vielerorts wieder aktuell ist aufgrund des 500. Jahrestages des Bauernkrieges, und sie führen uns an den Rhein nach Köln. Wie kam es dazu, dass gerade zu dieser Zeit und gerade in Köln der Bartmannkrug erfunden worden ist?



Christian Röser: Köln war in dieser Zeit eine der wichtigsten europäischen Städte, ein Zentralort für Handel und Gewerbe. Die wesentlichen Elemente der Bartmannkrüge, gab es bereits im späten Mittelalter. Es gab im Rheinland eine blühende Töpfereilandschaft, die Steinzeug herstellte und überregional vertrieb, es gab die Auflagentechnik und es gab auch die Idee, Gesichter auf die Keramikgefäße zu bringen.



In Köln wurden diese Merkmale schließlich kombiniert – und das auf kunsthandwerklich höchst anspruchsvolle Weise. Ein wichtiger Umstand war dabei, dass für die Model der Reliefauflagen sogenannte Formenschneider verantwortlich waren, also nicht die Töpfer selbst, sondern spezialisierte Handwerker, die auch mit anderen Materialien und für andere Gewerbe, wie den Buchdruck oder den Metallguss, arbeiteten. Dies erlaubte die Gefäße nun erstmals reich und dem aktuellen Zeitgeschmack entsprechend zu dekorieren und damit auch ein gehobenes bürgerliches Publikum anzusprechen, dass in Köln natürlich ebenfalls vorhanden war.



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Bartmannkrüge wurden in zahlreichen stilistischen und funktionalen Varianten hergestellt.



Mittelalter Digital: Weiß man etwas darüber, woher das Motiv des bärtigen Mannes stammt und weshalb man gerade dieses auf Krügen angebracht hat? Hat sich der Symbolgehalt des Bartmannes mit der Zeit – immerhin war er viele Jahrhunderte in Gebrauch – geändert?



Christian Röser: In der Tat hat der Bartmann im Laufe der Zeit eine regelrechte Metamorphose durchlaufen. Die Stücke der Frühzeit haben mit den spätesten Vertretern auf den ersten Blick nur noch wenig gemein. Zu Beginn handelte es sich um repräsentatives Tafelgeschirr und die Bartmänner hatten detaillierte und naturalistische Gesichtszüge, gewissermaßen auch einen würdevollen Ausdruck. Am Ende bleiben davon nur noch abstrahierte groteske Fratzen übrig, die sich auf Vorratskrügen finden. Es hat dabei also nicht nur ein stilistischer, sondern auch ein funktionaler Wandel stattgefunden.



Und so muss man letztlich auch die Bedeutung des bärtigen Gesichtes als etwas Wandelbares, nicht als etwas Starres begreifen. Das beginnt schon unmittelbar bei der frühen Kölner Produktion, bei der wir zahlreiche Variationen des Motivs finden. Vereinzelt kommen dort beispielsweise Frauenporträts vor. Dann wiederum gibt es Stücke mit einem klaren religiösen Bezug, die an eine Gottesdarstellung denken lassen, während man dies für andere Stücke, zum Beispiel solche mit grinsendem oder offenem Mund, ausschließen kann.



Die späteren Bartmänner hatten dagegen ihre ursprüngliche Bedeutung längst verloren und waren wohl vor allem ein Markenzeichen. In dieses konnten wiederum neue Bedeutungen hineininterpretiert werden, sowie in England, wo man im reformierten Umfeld die fratzengesichtigen Krüge nach dem katholischen Kardinal Bellarmino als „bellarmine jugs“ bezeichnete und ihn damit verhöhnte.



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Auf einigen Bartmannkrüge wurden Spruchbänder mit religiöser Botschaft aufgebracht.



Mittelalter Digital: Die Bartmannkrüge avancierten relativ schnell zum Exportschlager. Bezeichnender Weise wurde aber die Produktion im „Erfindungsort“ Köln relativ schnell wieder eingestellt. Wie kam es dazu, dass sich die eigentlichen Erfinder des Bartmannkruges von seiner Produktion wieder distanzierten und was wissen wir über die frühe Phase seiner Verbreitung?



Christian Röser: Das hatte mit politischen Entscheidungen innerhalb der Stadt Köln zu tun. Den innerhalb der Stadtmauern ansässigen Steinzeugtöpfern wurde der Betrieb durch Bestimmungen des Stadtrates spätestens seit der Mitte des 16. Jahrhunderts so stark erschwert, dass sie die Stadt verließen. Als Ursachen hierfür lassen sich die Brandgefahr, die Hitze und die Rauchentwicklung beim Brandt der Gefäße im Töpferofen anführen, aber auch die davon ausgehende große Nachfrage nach Holz, die zu einer Preiserhöhung führte.



Die Töpfer suchten sich dann nach und nach neue Standorte außerhalb Kölns. Die meisten von ihnen dürften im nahegelegenen Frechen ihre neue Heimat gefunden haben. Von dort konnten sie nicht nur die Kölner Infrastruktur hinsichtlich des Handels weiter nutzen, sondern saßen auch unmittelbar an den Tonvorkommen. In Frechen war die Töpferei dann eine wirkliche Erfolgsgeschichte. Nicht nur die Region wurde mit Steinzeug und Bartmannkrügen versorgt, sondern die Ware wurde in großen Quantitäten exportiert, vor allem rheinabwärts in die Niederlande und nach England. Schätzungen zufolge wurde zu Spitzenzeiten im 17. Jahrhundert deutlich über eine Million Gefäße innerhalb eines Jahres hergestellt.



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Gemälde ›Card Players‹ (1635) von Jan Miense Molenaer. Im Vordergrund, dem Geschehen abgewandt, ein zeitgenössischer Bartmannkrug.



Mittelalter Digital: „Bartmann goes global“ heißt ja euer Projekt – heute finden sich Bartmannkrüge an vielen Orten auf der ganzen Welt. Welche Regionen untersucht ihr und in welchen Kontexten taucht der bärtige Mann überall auf?



Christian Röser: Innerhalb des Projektes befassen wir uns mit einer ganzen Reihe von Fragen, angefangen bei quellenkritischer archäologischer und historischer Grundlagenforschung bis hin zur Analyse kulturhistorischer Kontexte und Prozesse. Ein herausgehobener Aspekt ist dabei aber tatsächlich die internationale und globale Verbreitung der Bartmannkrüge. Durch die kolonialen Handelsnetze der Niederlande und Englands gelangten sie nämlich in alle Welt und werden bis heute in Schiffswracks, kolonialen Siedlungen oder vereinzelt auch in indigenem Umfeld gefunden.



Die Krüge wurden dabei zunächst zur Aufbewahrung und zum Transport verschiedener Inhalte genutzt; nachgewiesen sind bislang alkoholische Getränke, tierische Fette und Quecksilber, das für die Veredelung von Silber- und Golderzen benötigt wurde. Die Verbreitungsschwerpunkte folgen den damaligen Handelsrouten und liegen in Amerika, vor allem den heutigen USA und im indopazifischen Raum.



In ›Bartmann goes global‹ versuchen wir dieser Reichweite natürlich Rechnung zu tragen, sowohl durch die internationale Zusammensetzung unseres Teams als auch durch den Aufbau eines weltweiten Netzwerks, um Informationen zusammenzutragen. Dennoch können wir die meisten Fundorte nur summarisch erfassen und müssen uns auf bestimmte Fallstudien konzentrieren. Für koloniale Siedlungen steht dabei das in Virginia gelegene Jamestown im Fokus, eine der frühesten europäischen Kolonien in den USA, in der wir ein besonders hohes Aufkommen von Bartmannkrügen feststellen können.



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Mit den Dekorationen auf den Gefäße wurden Botschaften transportiert, seien sie politischer, religiöser oder wirtschaftlicher Art.



Mittelalter Digital: Gibt es einen Aspekt an den Bartmannkrügen, der dich besonders fasziniert?



Christian Röser: Ja, für mich ist vor allem die symbolische Bedeutung der Bartmannkrüge faszinierend, also die Frage, welche Botschaften durch das Gefäß und die Gesichtsmaske transportiert werden konnten. Dies hängt einerseits eng mit der eben schon skizzierten Metamorphose, dem funktionalen und stilistischen Wandel der Bartmänner, zusammen. Andererseits spielt auch die konkrete Situation eine Rolle, also unter welchen Umständen, an welchem Ort mit welchen Personen die Krüge in Erscheinung treten. Man darf bei dieser Frage also das Objekt nicht isoliert betrachten.



So mag ein Bartmannkrug in einem niederländischen Gemälde eine moralische Botschaft vermitteln, ein anderer taugt in England zur Verspottung eines politischen Gegners und an einem Bestattungsplatz der Native Americans hatte ein weiterer wiederum eine völlig andere Bedeutung. Das Ganze steht bei den Bartmännern in Verbindung mit der Gesichtsmaske, die einen Aufforderungscharakter hat und den Betrachter einlädt, eine Beziehung mit dem Objekt herzustellen und mehr in ihm zu sehen.



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Du weißt selbst, wo Bartmannkrüge gefunden wurden? Auf der Webseite des Projekts kannst du einen eigenen Beitrag leisten!



Nicht zuletzt dadurch und durch ihren hohen Wiedererkennungswert sind Bartmannkrüge auch für die heutige Forschung und Museen bei der Vermittlung sehr hilfreich.



Mittelalter Digital: Euer Projekt ist ja kooperativ angelegt: Wie kann man euch bei eurer Arbeit und Recherche unterstützen?



Christian Röser: Der einfachste Weg ist einen Blick auf unsere Webseite zu werfen. Dort kann man sich über das Projekt informieren und einige hoffentlich interessante Texte über die Bartmannkrüge lesen. Nicht zuletzt aber kann man hier unsere sogenannte „Crowdsource Platform“ finden. Das ist im Grunde genommen eine Datenbank, für die jeder Besucher eigene oder ihm bekannte Funde von Bartmannkrügen melden kann.



Entsprechendes Bildmaterial sowie weitere Informationen lassen sich dabei über ein Formular hochladen und werden dann nach einer Überprüfung in unsere Galerie und Kartierung übernommen. So kann weltweit jeder Interessierte dazu beitragen, die Lücken im Verbreitungsbild zu schließen und spannende Exemplare in die Forschung einbringen.



Mittelalter Digital: Lieber Christian, lieben Dank für die Einblicke in dieses spannende Thema, das uns weit über die Grenzen des Mittelalters hinaus geführt hat. Alle weiteren Informationen zum Projekt und zu den Bartmannkrügen findet ihr hier.



Das Interview führte Tobias Enseleit.