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Die Kreuzzüge zwischen Entertainment und Wissensvermittlung: ›Kreuzfahrer‹ von Dan Jones

Die Kreuzzüge sind sowohl fest verankert in unserem kulturellen Gedächtnis als auch in unserer Vorstellung von der Epoche des Mittelalters. Das Heilige Land, religiöse Ritterorden, fanatische Glaubenskrieger – den meisten Menschen hierzulande wird das Thema „Kreuzzug“ irgendwann schon einmal begegnet sein, sei es in der Schule, im Videospiel oder im Spielfilm. Heute erscheint im Verlag C.H. Beck mit Dan Jones‘ ›Kreuzfahrer‹ die Übertragung seines Buchs ›Crusaders‹ aus dem Jahr 2019, das sich – so der Untertitel – „dem epischen Kampf um das Heilige Land“ (im Original: ›An Epic History of the Wars for the Holy Lands‹) widmet.



Lesenswerte Überblicksdarstellungen der Kreuzzüge füllen heute bereits Regalmeter – braucht es da ein weiteres Buch, das vermeintlich alten Wein in neue Schläuche gießt? Der Autor Dan Jones ist insbesondere einem englischsprachigen Publikum seit vielen Jahren durch seine populärhistorischen Bücher und Fernsehsendungen zur englischen Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, etwa zu den Plantagenets oder Tudors, bekannt.



Und so nimmt es nicht Wunder, dass sein Buch über die Kreuzzüge einen ganz eigenen Zuschnitt verfolgt, den Jones in seiner Einleitung auch transparent macht: Sein Anspruch ist es, das Thema zwischen Wissensvermittlung und Entertainment darzustellen. Dabei fußen seine Ausführungen, auch sie werden explizit vorgestellt, auf großen englischsprachigen Kreuzzugsforschern wie Steven Runciman oder Jonathan Riley-Smith, und sie sollen insbesondere die Menschen, die in den religiösen Konflikten zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert in zahlreichen Regionen ums Mittelmeer involviert waren, nahbar machen.



Anders als der Untertitel vermuten lässt, legt Dan Jones den Fokus seiner Erzählung (als solche versteht sich das Buch) nicht einzig auf die Ereignisse, die das Heilige Land betreffen. Vielmehr spannt er den Rahmen seiner Ausführungen von den religiösen Konflikten, die ab der Mitte des 11. Jahrhunderts in Süditalien, auf Sizilien und auf der spanischen Halbinsel ausgetragen wurden, bis zum Abschluss der sog. Reconquista im Jahr 1492.



Auf diese Weise bettet er jenes Phänomen, das wir heute im engeren Sinne als Kreuzzüge verstehen, nämlich die Kriege um die Heiligen Stätten in Palästina zwischen der Synode von Clermont im Jahr 1095 und dem – aus christlicher Sicht – Verlust Akkons, des letzten Kreuzfahrerstützpunktes in Outremer, im Jahr 1291, in einen größeren Horizont und kann auf diese Weise auch die religiösen Narrative und theologischen Diskurse vorstellen, die zu den „eigentlichen“ Kreuzzügen führten.



Lebensnah wird die Lektüre insbesondere durch die zahlreichen Zitate von Primärquellen, welche das Kreuzzugsgeschehen kommentiert haben. Dadurch entsteht in Kombination mit dem kurzweiligen Schreibstil eine Art von Unmittelbarkeit zu lange zurückliegenden Ereignissen erzeugt. Leserinnen und Leser dürfen sich auf eine große Vielzahl unterschiedlichster Primärquellen, sowohl christlicher als auch muslimischer, freuen, welche die Ereignisse des Mittelalters in die Gegenwart transferieren. Auf diese Weise lassen sich die zahlreichen Figuren – normannische Grafen, muslimische und byzantinische Prinzessinnen, wortgewandte Prediger, arabische Dichter und viele mehr –, die im Buch eine Rolle spielen, hautnah kennenlernen. Dieses Verfahren ist jedoch aus fachwissenschaftlicher Sicht nicht nur ein Segen, denn oft unterbleibt eine quellenkritische Bewertung der Zitate.



Im Hinblick auf den ersten Kreuzzug, dessen Beschreibung einen großen Teil des ersten Buchdrittels einnimmt, wird dies an mehreren Stellen augenfällig, etwa bei der Synode von Clermont (in diesem Kontext wird etwa diskutiert, ob der berühmte Ausruf „Deus vult“ schon zu diesem frühen Zeitpunkt gebräuchlich war), bei der Frage, ob oder in welchem Ausmaß es in Antiochia und danach zu Akten von Kannibalismus kam oder welche Größenordnung die Gewalttaten bei er Eroberung Jerusalems 1099 erreichten (mittelalterliche Autoren bedienen sich hier biblischer Bilder, die dem Geschehen damit eine heilsgeschichtliche Dimension zuschreiben).



Eine differenzierte Auseinandersetzung übergeht Dan Jones an diesen und anderen Stellen. Sie würde aber auch seinem Ansinnen widersprechen, eine „unterhaltsame“ – im Sinne von „leicht zugänglich“ – und „epische“ Erzählung der Kreuzzüge darzulegen, zumal – das muss ehrlicherweise auch gesagt werden – solche Detaildiskussionen in der Regel in Fachaufsätzen geführt werden. In diesen Aspekten zeigt sich also die Herausforderung der Gratwanderung, ein komplexes Thema für ein breites Publikum attraktiv aufzubereiten, ohne es inhaltlich zu verfälschen.



Fazit

Ist vor diesem Hintergrund Dan Jones‘ ›Kreuzfahrer‹ ein lesenswertes Buch? Ja! Insbesondere für alle, die eine wirklich gut zu lesende und unterhaltsame Lektüre in das Thema suchen. Der Autor selbst hofft in seiner Einleitung, dass die Lektüre seines Buches dazu einlädt, sich danach noch tiefgehender mit der Thematik zu beschäftigen. Und das wird sicherlich gelingen.



Zum einem macht die Lektüre von ›Kreuzfahrer‹ Freude – zumal das Buch wertig produziert und sauber lektoriert ist und mit Karten- und Bildmaterial die inhaltlichen Ausführungen ergänzt –, es lässt sich also „gut weg lesen“, zum anderen werden durch den zeitlichen Zuschnitt des Buches meines Erachtens wichtige Grundlagen zur Einordnung historischer Ereignisse vermittelt, insbesondere auch zur Bedeutung der Normannen für die mittelalterliche Geschichte.



Oder wer wusste aus dem Schulunterricht, dass die umtriebigen „Nordmänner“ zuerst Süditalien und Sizilien für sich beanspruchten, erst „danach“ mit der Schlacht bei Hastings 1066 England eroberten (bis sie sich an allen Schauplätzen durchgesetzt hatten, dauerte es freilich noch ein wenig) und dann noch eine wichtige Rolle bei der Eroberung Jerusalems 1099 spielten? Mit Blick auf die Kreuzzüge waren sie also bedeutende „Player“ in den kriegerischen Auseinandersetzungen wie im friedvollen fruchtbaren Austausch zwischen Christentum und Islam.



Vor diesem Hintergrund bietet ›Kreuzfahrer‹ von Dan Jones einen unterhaltsamen und geordneten Einstieg in die Kreuzzugsthematik, der auch erste Grundlagen für eine vertiefte und differenziertere Auseinandersetzung vermittelt und gleichzeitig aufzeigt, dass die Kreuzzüge gleichermaßen ein historisches wie ein gesellschaftlich-politisch aktuelles Thema sind.



Dan Jones‘ ›Kreuzfahrer: Der epische Kampf um das Heilige Land‹ ist am 21. August 2025 beim Verlag C.H. Beck erschienen.