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Im Kampf gegen die Feinde? Kl. 18 gegen innere und äußere Widerstände

Die Frage nach angemessenen Methoden zur Kontextualisierung von Oswalds Kl. 18 verweist auf die Notwendigkeit, das Lied aus mehreren Perspektiven zu analysieren. Im Rahmen des WOW25! erarbeiteten wir kulturpoetische, tropologisch-allegorische und digital-editorische Ansätze, die nicht auf interpretatorische Festschreibungen abstellen, sondern vielmehr darauf zielen, die Einbindung von Kl. 18 in ein komplexes Diskursfeld produktiv sichtbar zu machen.



Kl. 18 im Kontext des Deutschen Ordens

Die kulturpoetische Analyse von Kl. 18 folgt dem New Historicism, der das Lied nicht als biographisches Dokument, sondern es im Textgewebe der Diskurse um die Preußenfahrten des Deutschen Ordens liest. Ausgehend von der in der Kronike von Pruzinlant des Nikolaus von Jeroschin (Ordens-Chronik; 1331/41) greifbaren religiösen Binarisierung und der Sakralisierung militärischer Gewalt lässt sich zeigen, dass Oswald diese Muster poetisch verschiebt:



Der Reisekatalog Gen Preussen, Littwan, Tartarei, Türkei (Kl. 18, II, V. 1) entzieht dem Ordensgebiet Preußen jene in der Ordensideologie heilsgeschichtlich überhöhte Semantik, indem Oswald Preußen als eine Station unter vielen präsentiert. Durch die Parallelisierung pei cristen, kriechen, haiden (Kl. 18, I, V. 4) relativiert er die binäre religiöse Differenzsemantik des Ordens und transformiert dessen kollektiv-ideologische Perspektive zu einem individuellen Erfahrungsnarrativ von elend und armuet (ebd., V. 3). Und wenn Oswald seine Kutte in nebel raus (Kl. 18, IV, V. 14) wirft, löst er das zentrale ordensideologische Symbol religiöser Zugehörigkeit aus seinem diskursiven Rahmen.



Dass der New Historicism aus solchen Befunden keine eindeutige Haltung Oswalds zum Orden bestimmen kann, mag als methodisches Defizit erscheinen. Doch gerade in dieser Offenheit liegt der interpretatorische Mehrwert, zeigt sie doch, wie der Wolkensteiner Ordenssemantiken aufnimmt, verschiebt und poetisch umcodiert, ohne dabei die Ordensideologie eindeutig affirmativ fortzuschreiben oder subversiv zu unterlaufen.



Von der civitas diaboli zur civitas Dei: Kl. 18 als tropologisches Exemplum

Kl. 18 befindet sich zwischen Dichtung und Wahrheit: Es kann einerseits als Lebensballade gelesen werden, bei der realbiographische Elemente durchscheinen; andererseits wird mit einer tropologisch-zahlenallegorischen Lesart ein Beicht- und Bußlied erkennbar, das von der Sündhaftigkeit eines Lebens bis zu einer Gotteszentrierung erzählt:



In einer weltimmanenten Perspektive werden zunächst sündhafte Lebensstationen dargelegt, die den vier körperlichen Lastern (curiositas, crudelitas, loquacitas, voluptas) entsprechen; im Anschluss daran wird über Beicht-, Reue- und Bußszenarien eine Ausrichtung auf Gott angestrebt. Mit Rückgriff auf Augustinus kann von einem Weg einer civitas diaboli, dem Leben auf der Erde, das vom Prinzip des Bösen geleitet wird, zur civitas Dei gesprochen werden, die die göttlichen Prinzipien des Guten, der Liebe und Hoffnung verkörpert. Kl. 18 trägt als tropologisches Exemplum dazu bei, dass sich der Mensch aktiv für letzteren Weg entscheidet.



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„Was steht da?” – Oswald für alle!

Das Ziel des Projektes „Was steht da?“ – Oswald für alle! besteht darin, die mittelhochdeutschen Lieder Oswalds für alle Menschen zugänglich zu gestalten. Dabei sollen nicht nur Gruppen wie StudentInnen oder ProfessorInnen aus anderen Gebieten, sondern vor allem auch SchülerInnen und Laien erreicht werden. Mithilfe von XML- und CSS-Dateien lassen sich Texte mit Zusatzinformationen anreichern. So können mittelhochdeutsche Wörter nicht nur grammatikalisch bestimmt, sondern auch in Verbindung mit neuhochdeutschen Übersetzungsmöglichkeiten gebracht werden.



Angereichert lassen sich so auch die Lieder Oswalds anschließend im Browser anzeigen. Ein einfaches Hovern über das unbekannte Wort gibt dann die zusätzlichen Informationen preis. Doch inwiefern kann diese Art der Darstellung für das Thema der Kontextualisierung von Bedeutung sein? Die zusätzlichen Informationen einer Datei sind flexibel. Werden genügend hinterlegt, so können durch die mannigfaltigen Übersetzungsmöglichkeiten unterschiedliche Interpretationen eines Liedes möglich werden, wie es eben anhand von Kl. 18 gezeigt wird. Bezieht sich der „streifen“ auf das Wappen der Könige oder ist doch der Streifzug gemeint? Stellt Oswald sich selbst als Mönch dar oder beschreibt er den Mönch und sich selbst als Narren? Die zusätzlichen Informationen liefern Interpretationsmöglichkeiten und diese ermöglichen das Einbetten in neue Kontexte.



Nicht nur regte der Workshop uns zur produktiven Auseinandersetzung mit den Liedern Oswalds und dem Thema der Kontextualisierung an, der Austausch mit anderen Oswald Begeisterten lieferte uns auch konstruktive Kritik, Einblicke in andere spannende Themen und neue Ideen für unsere eigenen Projekte. Insgesamt war der Workshop eine wundervolle Erfahrung, an die wir noch lange zurückdenken werden.