Mittelalter für Kleine – ein Ausflug in die Welt des Kinderspielzeugs
Tobias Enseleit
Donnerstagabend, 18 Uhr 50. Ich sitze mit der Handvoll Studenten zusammen, die sich nach dem Jahreswechsel bereits wieder ins abendliche Seminar verirrt hat, und wir diskutieren ein Referat zum Thema "Das Mittelalter im Kinderspielzeug". Die Referatsgruppe setzt uns erst einmal auseinander, was es auf dem Gebiet an Mittelalterangebot überhaupt gibt – namentlich anhand gängiger Anbieter, vornehmlich Lego, Playmobil und Schleich.
Wohin man schaut (jedenfalls innerhalb des Rahmens, den die Referatsgruppe für uns aufgespannt hat): Ritter, Burgen, Drachen, Waffen unterschiedlichster Form und Farbe, Helme, Schilde und Belagerungsgerät. Soweit so typisch Mittelalter und insofern gar nicht verwunderlich, zählt dies alles zu den gängigsten Markern der Epoche. Wo mit Helmzier herumstolziert und hinter Zinnen hervorgelugt wird, dort ist für Groß wie für Klein ziemlich sicher Mittelalter.¹ Schnell stellt die Referatsgruppe ihre Erkenntnis vor. Es geht im Kinderspielzeug-Mittelalter vornehmlich um eines: Hauen und Stechen, Belagern und Plündern.
Mittelalter für Mädchen – nur als rosa Prinzessinnenkitschetraum? Oder gibt es doch noch andere Zugänge?
"Gibt es wirklich nichts anderes?", stellt ein Kommilitone als Frage in die Runde. "Nichts Neutrales? Keine Klöster mit Bibliotheken und Kräutergärten?" – "Es gebe ja noch", wirft eine Studentin nach anfänglichem Zögern ein, "das rosa Prinzessinnenschloss von Playmobil" (und von vielen anderen Anbietern, wie ich bald lernen werde). Also doch etwas für die Mädchen. Den puren Märchenkitsch. Immerhin.
Das Mittelalter für Kinder
Kampf und Abenteuer, beides in erster Linie heldenhaft, überzeichnet und unblutig, sind für Produkte, die sich an Kinder richten, in mittelalterlichen Kontexten weit verbreitet. Dass sich dadurch eher Jungen denn Mädchen angesprochen fühlen, ist unbenommen. Dieser Befund ist sicherlich anschlussfähig im Hinblick auf Gender-Fragen, die diskutieren, inwiefern (auch "mittelalterliches") geschlechtspezifisches Kinderspielzeug Geschlechterstereotype perpetuiert.
Was anderes ist in diesem Kontext meines Erachtens aber bedeutender. Andere Bereiche, die maßgeblich für unser Verständnis vom Mittelalter sind, wie etwa, um ein Beispiel aufzugreifen, die Religiosität werden dort zugunsten von Kampf und Bewährung in der Regel komplett ausgeblendet. Wieso das so ist? Womöglich hängt dies mit der Interessens- und Mentalitätslage unserer größtenteils säkularisierten Gesellschaft zusammen:
Der Umgang mit dem Glauben ist insbesondere im Zusammenhang mit Kindern ein ideologisches Minenfeld, das von vielen Autoren daher bewusst gemieden wird. […] Hier regiert wie bei anderen‚ unzeitgemäßen und "unbequemen" Themen das Prinzip der Auslassung.
Ylva Schwinghammer, Rittergeschichten für die Klein(st)en. Die Welt des Mittelalters im aktuellen deutschsprachigen Kinderbuch, Berlin 2010 (= Mediävistik zwischen Forschung, Lehre und Öffentlichkeit 4), S. 163.
Ein sehr bekanntes und eingängiges Beispiel hierfür stellt etwa die sehenswerte Disney-Serie ›Die Gummibärenbande‹ dar, die – bewusst oder unbewusst – zahlreiche Mittelaltervorstellungen und mehr vereint (ich habe die Serie unter verschiedenen Gesichtspunkten an anderer Stelle besprochen). In der Serie wird nur ein einziges Mal ein Kloster gezeigt (während Schloss Dunwyn und Drekmore neben der unterirdischen Behausung der Protagonisten die Hauptschauplätze bilden), und dieses Kloster dient dort auch nur als Abenteuerspielplatz, auf dem die Gummibären Schurken bekämpfen müssen.
Niemand verkörpert überschäumendes kindliches Temperament und Abenteuerbegeisterung so gut wie Cubbi, der mit Holzschwert bewaffnet die ideale Identifikationsfigur für entsprechend veranlagte Jungs darstellt. Mit Sunni gibt es eine Entsprechung auch für Mädchen – sofern sie sich dafür interessieren, Prinzessin zu sein. Insofern sind auch hier die Rollen grundsätzlich besetzt, obgleich sie in vereinzelten Folgen zur Disposition stehen (Bildnachweis: © Disney).
Es gibt in anderen auf Kinder ausgerichteten Medien Ausnahmen (insbesondere im museal-didaktischen Bereich) – im populärkulturellen Umfeld sind, soweit ich das überblicke, diese Ausnahmen jedoch selten.
Wie auch immer: Kinderspielzeug wird in erster Linie produziert, um verkauft zu werden. Naheliegender Weise muss es zu diesem Zweck bei der Zielgruppe Gefallen finden. Nur wer stellt diese Zielgruppe dar? Wirklich die kleinen Jungs, die im Kinderspielzeug ihre gefestigten Vorstellungen von einem Mittelalter des Kampfes wiederfinden? Zu fragen wäre dann, woher diese Vorstellungen kommen sollen. Es gleicht ein wenig der Frage nach der Henne und dem Ei, ob Kinderspielzeug der Generator für kindliche Mittelalterimaginationen ist oder ob es frühkindliche Erfahrungen mit der Epoche (vermittelt etwa durch Kinder- und Märchengeschichten)² aufgreift.
Oder spricht Kinderspielzeug womöglich eher die Väter der Kinder an, die bereits viele Jahre der Mittelaltersozialisation mehr durchlaufen haben und im Kinderspielzeug ein Mittelalter gespiegelt finden, das ihnen vertraut vorkommt – und die schließlich das Geld auf den Tisch legen müssen? Die Frage kann ich – auch wenn ich zu Zweiterem tendiere – tatsächlich nicht beantworten; sie würde aber einer empirisch-didaktischen Arbeit lohnen.
Die Zeit läuft uns im Seminar naturgemäß davon, während wir feststellen, dass das Kramen in kindlichen Erinnerungen nicht die beste empirische Methode darstellt. Getreu dem Motto "Studierenden zu trauen, ist gut, sie zu kontrollieren, ist besser" schaue ich am selben Abend in das Sortiment eines bekannteren Onlinehandels, um nachzuprüfen, was der Markt so her gibt. Und tatsächlich: Burgen, Drachen, Ritter, Waffen. Maßgeblich. Aber nicht nur. Nach etwas Suchen finde ich bei den oben genannten Hersteller das Mittelalter auch in anderen Kontexten dargestellt.
Selbst die friedlichen Bauern müssen sich plündernder Schurken erwehren – immerhin helfen die ansonsten recht harmlos wirkenden Tiere mit, den Bauernhof zu verteidigen.
Denn es gibt nicht nur das Mittelalter mit Ritterburgen, sondern auch jenes mit Dörfern und Windmühlen, Transportkutschen und Schmieden – soweit so gut: Nur werden auch all diese, das legen jedenfalls die Produktnamen nahe, überfallen, geplündert oder sehen sich Hinterhalten ausgesetzt. Das Kämpferische dominiert damit auch in vermeintlich friedlichen Kontexten, während der Kampf in den vereinzelten Turniersets, die ich finde, immerhin ins Sportliche gewendet wird.
Ich nehme mir noch eine weitere halbe Stunde zur Recherche und voilá, am Ende finde ich ganz vereinzelt ein friedvolleres Mittelalter im Kinderspielzeugangebot: Der Lego-Marktplatz etwa wird vom geschäftigen Treiben der Händler beherrscht, das sich vom Patrouillieren zweier einsamer Soldaten nicht stören lässt.
Mittelalter in Abwandlung
Und dann gibt es an ganz anderer Stelle, wie ich an diesem Abend lerne, in der Spielzeugwelt doch noch ein Mittelalter, das sich von allem Kampfeslärm entfernt: in den MOCs. Was das ist? Auch das lerne ich: MOC ist die Abkürzung für "My Own Creation", bezeichnet also Kreationen, die herstellerseitig weder angeboten werden noch vorgesehen sind, sondern aus Bauelementen zahlreicher verschiedener käuflicher Sets bestehen.
Alltägliches Mittelalter in Eigenkreation – sog. MOCs ("My Own Creation") bringen auf vielfältige Weise ganz unterschiedliche Vorstellungen der Epoche auf das Noppenbrett. Auch wenn es sich bei dem Ausgangsmaterial genuin um Spielzeug handelt, so stellen diese Werke durch ihre Nähe zum klassischen Modellbau vielmehr Dioramen dar, die mitunter auf den Herstellerseiten eingereicht, diskutiert und bewertet werden können.
Hier tauchen wir in eine Welt voller Kreativität ab, die, obgleich aus Kinderspielzeug aufgebaut, nicht mehr in den Händen von Kindern selbst liegt, sondern von Erwachsenen, die Freude am Bauen und Tüfteln haben. Ob dies die These untermauert, dass es doch die Väter sind, die sich vom Kinderspielzeugangebot verlocken lassen? Hier ist jedenfalls, losgelöst von fast allen Herstellervorgaben, Platz für ein Mittelalter, das auch ganz anders aussehen kann und in dem Bauernhöfe nicht überfallen und Schmieden nicht geplündert werden.
Was bedeutet das? Immerhin soviel, dass das Mittelalter heute durchaus auch als friedlich imaginiert wird. Vielleicht kann sich die Spielzeugindustrie doch trauen, die ausgetretenen Kriegspfade zu verlassen und neue Wege einzuschlagen...
Literatur
- 1. Vgl. zu dem Thema aus der Fülle an Literatur etwa Bodo von Borries, Das Mittelalter im Geschichtsbewusstsein von Jugendlichen. Empirische Befunde, in: Rolf Ballof (Hrsg.), Geschichte des Mittelalters für unsere Zeit. Erträge des Kongresses des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands „Geschichte des Mittelalters im Geschichtsunterricht“. Quedlinburg 20.-23. Oktober 1999, Stuttgart 2003, S. 279-291; Thomas Scharff, Wann wird es richtig mittelalterlich? Zur Rekonstruktion des Mittelalters im Film, in: Mischa Meier / Simona Slanička (Hrsg.), Antike und Mittelalter im Film. Konstruktion – Dokumentation – Projektion, Köln 2007 (= Beiträge zur Geschichtskultur 29), S. 63-83; Christian Kiening, Mittelalter im Film, in: Christian Kiening / Heinrich Adolf (Hrsg.), Mittelalter im Film, Berlin / New York 2006 (= Trends in Medieval Philology 6), S. 3-104.
- 2. Vgl. dazu Ina Karg, Ritter, Elfen, Zauberwelten: Mittelalterbilder in aktuellen Kinder- und Jugendbüchern, in: Volker Mertens / Carmen Stange (Hrsg.), Bilder vom Mittelalter. Eine Berliner Ringvorlesung, Göttingen 2007 (= Aventiuren), S. 155-180.