Die vielleicht bekannteste Handschrift der Welt: der Codex Manesse
Tobias Enseleit
Eine der berühmtesten Handschriften des Mittelalters steht anlässlich ihrer Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe diesen Monat im Mittelpunkt: der von Johann Jakob Bodmer (1698-1783) benannte Codex Manesse bzw. die große Heidelberger Liederhandschrift C, bezeichnet nach ihrem Aufenthaltsort in der Universitätsbibliothek von Heidelberg in Abgrenzung zu der dort sich ebenfalls befindenden kleinen Liederhandschrift. Der Codex Manesse ist nicht nur die bedeutendste deutsche Liederhandschrift, ohne die unsere Kenntnisse über den mittelhochdeutschen Minnesang und Sangspruch weit fragmentierter wäre, sie ist insbesondere aufgrund ihrer reichhaltigen miniatürlichen Ausmalung weit über den Kreis der Altgermanisten bekannt.
Walther von der Vogelweide, der Tannhäuser, Wolfram von Eschenbach, Hartmann von Aue – die Reihe klangvoller Dichternamen, die mit der Prachthandschrift in Verbindung stehen ist lang. Entstanden ist sie allerdings rund zwei oder drei Generationen nach ihrem Leben und Wirken, nämlich zu Beginn des 14. Jahrhunderts. In Zürich sammelten Mitglieder Familie Manesse, die im Zentrum eines literaturinteressierten Kreises standen, mit Eifer Lyrik vergangener Zeiten bis in ihre Gegenwart hinein. In diesem Kontext wird der Codex seinen Ursprung gefunden haben.
Die Reise durch die Jahrhunderte war für den Codex abenteuerlich und ist heute mit einigen Fragezeichen versehen: Er überstand die Wirren des Dreißigjährigen Krieges, befand sich über 200 Jahre in Paris (war unter anderem im Besitz des Sonnenkönigs Ludwig XIV.) und gelangte erst 1888 wieder nach Deutschland – für die stattliche Summe von 400.000 Goldmark, für deren Aufbringung Kaiser Wilhelm I., Friedrich III. und Otto von Bismarck sorgen mussten. Seitdem befindet sie sich in der Universitätsbibliothek von Heidelberg.
Eine Prachthandschrift: 426 Pergamentblätter von etwa 25x35cm Größe, rund sieben Kilogramm schwer, aufwendig redaktionell konzeptioniert, von wenigstens zehn Schreibern verfasst und vier Malern illustriert. Wahrscheinlich dauerte die Fertigstellung des Codex etwa zwei Jahrzehnte, aufwendige Vorarbeiten zur Materialerschließung und -anordnung waren notwendige Voraussetzung für die etwa 5.400 Strophen von 140 Autoren, die sich bis heute in der Handschrift erhalten haben.
Dabei legten die Redaktoren großen Wert darauf, das umfangreiche Material zu gliedern und verfügbar zu machen; oft wissen wir heute nicht mehr, ob die Zusammenstellung eines Dichterwerks und deren Anordnung auf den Dichter selbst oder die Ersteller der Handschrift zurückgeht. Diese gingen bei der Reihenfolge der Autoren in der Handschrift grundlegend hierarchisch vor, von Kaiser und Königen zu Fürsten und Grafen, zu Rittern und Herren bis hin zu Dichtern, deren ständische Verortung heute nicht immer klar ist.
Lesetipp: Wenn euch interessiert, wie mit lyrischer Überlieferung umgegangen werden und was sie über das Leben und Wirken eines Dichters verraten kann (und was nicht), dann schaut euch unseren ausführlichen Artikel zum Dichter Tannhäuser an.
Jedem Autor ist in der Handschrift eine seiteneinnehmende Miniatur gewidmet, die sein lyrisches Werk eröffnet. Nicht zuletzt diesen Miniaturen hat der Codex Manesse seine Bekanntheit und Beliebtheit zu verdanken. Das Spektrum der höfischen Bildthemen ist groß: Ritterlicher Kampf, Fest, Spiel, Jagd und Sport, Frauendienst Sowie Minneszenen bilden nur einen Teil des Dargestellten.
Dabei verfolgen die Miniaturen keineswegs den Anspruch, den Dichter "realistisch" abzubilden – nicht selten verdanken sich die Darstellungen stereotyper ständischer Repräsentationstraditionen oder überführen Inhalte der Lieder ins Bildliche: Walthers von der Vogelweide "Ich saz ûf eime steine" (Ich saß auf einem Stein) mag in Verbindung mit der Autorenminiatur das vielleicht bekannteste Beispiel für diese Art von Textadaption sein.
Wie wir uns heute "das Mittelalter" vorstellen, das verdanken wir unter anderem diesen Miniaturen, die über Dokumentationen oder Videospiele (wusstet ihr, dass Miniaturen aus dem Codex Manesse u. a. in The Witcher 1 und 3 auftauchen?) immer wieder Eingang in die moderne Inszenierung der Epoche finden. Damit stellt die Große Heidelberger Liederhandschrift bis heute eine zentrale Quelle für unsere Vorstellung von "Mittelalterlichkeit". Ziemlich beeindruckend, oder?
Falls ihr noch nie über den Codex Manesse gestolpert seid, dann schaut euch unbedingt dessen Digitalisat an, das die Heidelberger Universitätsbibliothek dankenswerter Weise zur Verfügung stellt. Wir sind uns sicher, dass ihr schnell eure persönliche Lieblingsminiatur findet!