›Magie Bergkristall‹ im Museum Schnütgen in Köln
Tobias Enseleit
Wir waren endlich in Köln, um die Sonderausstellung ›Magie Bergkristall‹ im Museum Schnütgen zu sehen, die anhand wunderbarer Exponate die mittelalterliche Vorstellungswelt und Handwerkskunst erfahrbar macht. Der Bergkristall zählte in der Wissensliteratur der Epoche zu den Edelsteinen (was er heute strenggenommen nicht mehr tut) und verfügte über eine gewisse Wirkkraft, die ihm am Anbeginn der Zeit während der Schöpfung verliehen wurde. Als Pulver zermalmen und in Flüssigkeit zu sich genommen, sollte der Bergkristall die Milchproduktion stillender Frauen erhöhen und Augenleiden lindern.
Aufgrund seiner im Wortsinne kristallenen Durchsichtigkeit wurde der Bergkristall in allegorischer Hinsicht zudem oft auf Christus und speziell die Gottesmutter Maria bezogen und entsprechend auch in mittelalterlichen Kunstwerken verarbeitet, von denen eine hochkarätige Auswahl nun im Museum Schnütgen zu sehen ist.
Blick in den Einführungsraum der Ausstellung.
Dabei ist die Verarbeitung von Bergkristall weder ein mittelalterliches noch ein europäisches Phänomen. Bereits in der Antike erfreute sich das Mineral großer Beliebtheit, und zahlreiche Exponate in der Ausstellung zeugen insofern von dem regen Austausch zwischen Ost und West, als bspw. in westeuropäischer sakraler Kunst Bergkristall verarbeitet wurde, der zuvor in muslimischen Kontexten Verwendung fand.
Ein ganz beeindruckendes Stück, das ihr euch in der Sonderausstellung ›Magie Bergkristall‹ anschauen könnt, ist ein Kokosnussreliquiar, das von einem Bergkristalllamm gekrönt wird. Das vielleicht Spannendste: Das Lamm war ursprünglich mal ein Löwe (womöglich abbasidischer Herkunft aus dem 10. Jahrhundert), dessen Haupt man um 180° gedreht, im 13. Jahrhundert in Gold gefasst und auf eine Kokosnuss gesetzt hat! Das Lamm stellt natürlich das Lamm Gottes dar, das Agnus Dei, das wie der Löwe Christus symbolisiert, womit die Kokosnuss zum Reichsapfel des Weltenretters wird. Dieses Stück, das sonst in der Domkammer in Münster zu finden ist, zeigt damit anschaulich, wie Kunststücke über die Kulturgrenzen hinweg für verschiedene Kontexte umgearbeitet und wie sie dadurch mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen werden konnten.
Anders als die letzte Sonderausstellung ›Von Frauenhand. Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen‹ (hier findest du das Interview mit der Kuratorin Dr. Karen Straub) ist ›Magie Bergkristall‹ nicht in den „historischen“ Räumlichkeiten des Museums zu sehen, die einen ganz eigenen Charme aufweisen. Das ist aber gar kein Nachteil, sondern bot die Möglichkeit, die Exponate in einer recht schlichten Umgebung ganz besonders zu inszenieren! Und wer noch nie im Museum war, kann natürlich auch die wunderbare Dauerausstellung besuchen, die sich ebenfalls wirklich lohnt!
Besonders angetan sind wir von der wunderbaren Madonna mit Kind aus dem 12. Jahrhundert. Doch auch die anderen Stücke stehen ihr in Kunstfertigkeit und Aufwand in nichts nach.
Was im Museum Schnütgen an Exponaten versammelt werden konnte, ist ziemlich beeindruckend – und es sollte für jeden etwas dabei sein: Bergkristallkreuze, goldene Reliquienschreine, Trinkgefäße in Form von Kriegsschiffen, Prunkschwerter und noch ganz viel mehr!
Unser persönliches Highlight waren die reich bebilderten Handschriften von den Werken Konrads von Megenberg, Thomas‘ von Cantimpré und Bartholomäus Anglicus‘.
Wenn man sich vergegenwärtigt, wie viel Arbeit, Fleiß, Können und welcher kulturelle Horizont in nur EINEM der Stücke steckt, das in Köln zu sehen ist, dann lässt sich der Wow-Effekt der Ausstellung kaum in Worte fassen.
Die Ausstellung verfügt zwar nicht über ein explizites Kinderangebot, weiß aber auch die Kleinen zu beeindrucken. Und wenn alle Stricke reißen, hilft das für die Ausstellung konzipierte Ausmalbuch.
Wer sich also nur ein kein wenig für das Mittelalter erwärmen kann, sollte unbedingt die Ausstellung im Museum Schnütgen besuchen. Und auch der reichhaltige Ausstellungskatalog ist einen näheren Blick wert, vertieft er noch einmal zentrale Aspekte um den Bergkristall, seine Entstehung und Herkunft, Gewinnung und Verarbeitung, den kulturhistorischen Hintergrund, hinter dem das Mineral gelesen werden muss und noch vieles mehr!
›Magie Bergkristall‹: Im Interview mit Dr. Manuela Beer: Du möchtest noch mehr zur Ausstellung erfahren? Wir haben mit der Kuratorin Dr. Manuela Beer zu ihrer Idee und Umsetzung gesprochen. Das komplette Interview findet ihr hier.
Die Ausstellung ›Magie Bergkristall‹ ist noch bis zum 19. März 2023 im Museum zu Schnütgen zu sehen. Weitere Informationen findet ihr auf der Webseite des Museums.