›Barbarossa: Die Kunst der Herrschaft‹: Im Interview mit Dr. Petra Marx
Tobias Enseleit
Er zählt noch heute zu den bekanntesten Herrschern des Mittelalters: der Staufer-Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa (* um 1122, † 1190). Ein Förderer des aufkeimenden Rittertums, der letzte große Herrscher über ein vereintes Deutschland, bevor die Partikularinteressen der Fürsten das Reich zerrissen haben, die blutrünstige Geißel Italiens – seit Jahrhunderten sind Barbarossa und sein Wirken aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kontextualisiert und bewertet worden. Sein Geburtstag im Jahr 1122 jährt sich heuer zum 900. Mal, ein Jubiläum, welches das LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster zum Anlass für eine große Sonderausstellung genommen hat. Sie wird unter dem Titel ›Barbarossa. Die „Kunst der Herrschaft‹ an zwei Standorten, im Museum Schloss Cappenberg (ab dem 14. September 2022) und in Münster (ab dem 28. Oktober 2022) zu sehen sein.
Wir konnten mit Frau Dr. Petra Marx, der Kuratorin der Mittelaltersammlung im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster, über die Idee und die Konzeption der Ausstellung sprechen und erfahren, was alles passieren muss, bis aus einer ersten Vorstellung eine realisierte Ausstellung wird.
Mittelalter Digital: Liebe Frau Marx, ein Jubiläum wird gerne zum Anlass genommen, um sich einem bestimmten Thema zu widmen. Ihre Sonderausstellung wird an zwei Standorten zu sehen sein, in Münster und in Cappenberg, und immerhin Cappenberg hat mit dem berühmten so genannten Barbarossakopf einen direkten Bezug zum Staufer-Kaiser. Waren dies die beiden ausschlaggebenden Aspekte, um eine Sonderausstellung zu Friedrich I. auf die Beine zu stellen oder gab es noch weitere?
Petra Marx: Ausschlaggebend war das Jubiläum, in der Tat – auch wenn das Geburtsdatum Barbarossas nicht sicher überliefert ist. Die Initiative zur Jubiläumsfeier 2022 in Cappenberg, begleitet von einer größeren Ausstellung, ging von den dortigen Rotariern aus, die sich nach dem Kaiser benannt haben. Auf dem Weg über den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) kam die Idee dann auch in das LWL-Museum für Kunst und Kultur (Westfälisches Landesmuseum in Münster). Auf Schloss Cappenberg betreibt der LWL seit Langem eine eigene Museumsdepandance, die jüngst neu eröffnet wurde und sich dem Leben des preußischen Politikers und Reformers Freiherrn vom Stein widmet. Dieser begründete das erste große Quellenwerk zur Geschichte des Mittelalters, die Monumenta Germania Historica.
Die Handwaschschale, welche die Taufe Friedrichs I. durch Graf Otto von Cappenberg darstellt, befand sich zu seinen Lebzeiten noch vor Ort; sie wurde dann durch seine Vermittlung über Johann Wolfgang von Goethe nach Weimar verkauft und gelangte später in die Berliner Museen. Den berühmten Cappenberger Kopf, der ebenfalls in der ehemaligen Stiftskirche verwahrt wurde, hat er dagegen – und das ist ein sehr kurioser Umstand – nie zu Gesicht bekommen. Dabei war er natürlich ein großer Barbarossa-Verehrer…
Mittelalter Digital: Welche Aufgaben hatten und haben Sie als Kuratorin für die Mittelalterabteilung übernommen, um die Sonderausstellung zu realisieren?
Petra Marx: Wie gesagt, ich habe mir das Projekt nicht selbst ausgedacht, im Unterschied zur letzten großen Sonderausstellung in meiner Verantwortung 2020, in der es um die großen Gefühle in der Kunst ging. Es ist mir zu meiner großen Freude quasi in den Schoß gefallen. Ich habe meine Doktorarbeit über Stuckplastik des 12. Jahrhunderts geschrieben und mich sehr darüber gefreut, wieder in diese spannende Epoche der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte eintauchen zu können. Meine Aufgabe war das eigentliche inhaltliche Konzept für den großen Ausstellungsteil in Münster; für den kleineren Teil, zeitlich gesehen eine Art Prolog in Cappenberg, ist mein hochgeschätzter Kollegen, unser Landeshistoriker Gerd Dethlefs zuständig.
Dabei zählen Cappenberg, Münster und Westfalen bekanntlich nicht zu den staufischen Kernlandschaften, die in Südwestdeutschland und später in Italien liegen. Seit der großen Staufer-Ausstellung 1977 hat es auch in den letzten Jahrzehnten immer wieder Projekte gegeben, die sich u. a. um Barbarossa und das Staufergeschlecht drehen, zuletzt in Mainz. Noch nie wurde aber der Versuch unternommen, den Stauferkaiser im deutschen Nordwesten in Blick zu nehmen.
Dafür gibt es Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen aber sehr gute Anknüpfungspunkte, vor allem im Hinblick auf Barbarossas politisches und geistliches Netzwerk. Nachdem das Konzept mit fünf Schwerpunkten innerhalb des Museums mit der Leitung und den anderen Abteilungen abgestimmt war, habe ich mich um die Leihgaben gekümmert, mit Reisen u. a. nach London, Paris und Kopenhagen. Die mediävistischen Kolleginnen und Kollegen in den großen Ausstellungshäusern sind gut miteinander vernetzt, was diese Aufgabe sehr erleichtert hat.
Die sogenannte Taufschale Kaiser Friedrichs I. Barbarossa, entstanden Mitte des 12. Jahrhunderts.
Die Kunstwerke, die wir für eine solche Sonderausstellung zusammenstellen, sind jeweils einzigartige Preziosen. Da muss das Konzept überzeugen, und die Standards des eigenen Hauses in puncto Raumklima und Sicherheit müssen hoch sein. So entsteht schließlich eine Objektliste mit in unserem Fall rund 120 Exponaten – und daraus wiederum ein umfassender Katalog, dessen Planung und Redaktion ebenfalls in meinen Händen liegen. Ein wichtiger Arbeitsschritt ist die Gestaltung und Inszenierung der Ausstellungsräume mit einem hierauf spezialisierten Architekturbüro.
Aber natürlich ist Museumsarbeit immer Teamarbeit: Alle Abteilungen des Museums, u. a. die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, das Sponsoring, RestauratorInnen und die Verwaltung sind intensiv eingebunden. Alle Fäden laufen bei einer Projektleiterin und damit bei der Museumsleitung zusammen. Schließlich bin ich als Kuratorin für alle Ausstellungstexte verantwortlich – zusammen mit den Kolleginnen der Kunstvermittlung, die ebenfalls für das ganze Projekt eine wichtige Rolle spielt.
Mittelalter Digital: Die Sonderausstellung steht mit dem Thema „Die Kunst der Herrschaft“ unter einer bestimmten übergeordneten Fragestellung. Herrschaft konstituiert sich (bis heute) über kommunikative und symbolische Spielregeln und Akte. Um diese hat sich insbesondere am Universitätsstandort Münster seit vielen Jahren unter dem Begriff der Symbolischen Kommunikation eine ganze Forschungstradition gebildet, inklusive Anbindung an spezifische Sonderforschungsbereiche. Der thematische Zuschnitt der Ausstellung wird vor diesem Hintergrund kein Zufall gewesen sein, oder?
Petra Marx: Der thematische Zuschnitt hat sich vor allem aus dem Anspruch ergeben, Kaiser Friedrich Barbarossa als Herrscher und, soweit möglich, als Menschen in seiner Zeit zu zeigen, durch eine interdisziplinäre Verbindung von Kunstgeschichte und Geschichte. In seiner Rolle als Herzog, König und Kaiser war er wie seine Zeitgenossen, Vorgänger und Nachfolger im Amt eingebunden in ein System aus Ritualen und Abläufen, welche seine Aufgaben und Ansprüche symbolisch vermittelten.
Das kann die Sitzordnungen an der höfischen Tafel, die Frage, wer wem „das Wasser reichen“ kann und darf, und die royalen Gewänder und Insignien, die Status und Rang des Fürsten sichtbar machen. Auf den Spuren von Gerd Althoff, auf den Sie anspielen, habe auch mich schon öfter bewegt, weil dieses Thema in der mittelalterlichen Kunst- und Geschichtswissen natürlich weit über Münster hinaus von entscheidender Bedeutung ist. Symbolische Kommunikation ist auch deshalb so spannend, weil wir sie aus moderner Sicht gut nachvollziehen können, wenn es zum Beispiel um die Platzierung von Staatsgästen bei großen Empfängen geht.
Unter Friedrich Barbarossa erlebten die höfische Kultur und das Rittertum eine Blüte: Das spiegelt auch die Sachkultur der Zeit wider. Das Mainzer Hoffest von 1184 zählt bis heute zu den größten höfischen Ereignissen des Mittelalters und wurde auch von Zeitgenossen als außergewöhnlich wahrgenommen und beschrieben. Bildnachweis.
Erinnert sei nur an den Eklat, den der türkische Präsident Erdogan verursachte, als er bei einem Staatsbesuch der EU-Kommission in Ankara für das offizielle Pressefoto keinen Stuhl für Ursula von der Leyen bereit hielt, die weiter entfernt auf einem Sofa Platz nehmen musste („Sofagate“).
Mittelalter Digital: Barbarossa lebte fast 70 Jahre, war 38 Jahre lang römisch-deutscher König, 35 Jahre lang Kaiser. Er war politischer Mittelpunkt in einer umbruchsreichen Zeit, hatte mächtige Reichsfürsten und Päpste zu Feinden. Er richtete in Mainz die größten Feste des Mittelalters aus, zog sechs Mal nach Italien, um seinen Herrschaftsanspruch durchzusetzen, und brach als Anführer der Kreuzritter ins Heilige Land auf: War in Anbetracht seines langen und umtriebigen Wirkens die thematische Engführung auch eine essentielle Notwendigkeit, um eine Ausstellung überhaupt ausgestalten zu können?
Petra Marx: Unbedingt. Das war der schwierigste Teil an der Entstehung des inhaltlichen Konzepts: Wie eine Auswahl treffen unter diesen vielen und wichtigen Aspekten? Mit tatkräftiger, fachkundiger und emphatischer Unterstützung des Historikers Jan Keupp, Professor an der Uni Münster, Barbarossa-Experte und vieles mehr, haben wir diese Facetten dann auf fünf Kapitel verdichtet: die „Barbarossabilder“ in Kapitel I (ausgehend u. a. von dem gleichnamigen Buch, das Knut Görich und Romedio Schmitz-Esser herausgegeben haben), seine weltlichen und geistlichen Netzwerke in Kapitel II (darunter z. B. Hildegard von Bingen oder die mächtigen Kölner Erzbischöfe), die erstaunlich mobile „weite Welt“, den Transfer zwischen Orient und Okzident gerade im 12. Jahrhundert in Kapitel III, einen Schwerpunkt zum Cappenberger Kopf und der eingangs erwähnten „Taufschale Barbarossas“ mit neuen technologischen Erkenntnissen in Kapitel IV und zum Schluss, das war mir sehr wichtig, die Kunst der Zeit Barbarossas in unserer Region. Hier können wir auch auf kostbare Kunstwerke der eigenen umfassenden Mittelaltersammlung zurückgreifen.
Der sog. Cappenberger Kopf, entstanden Mitte des 12. Jahrhunderts, zählt zu den berühmtesten Artefakten im Barbarossa-Kontext und ist natürlich auch ein Highlight der Ausstellung.
Mittelalter Digital: Gibt es in diesem Zusammenhang Themenbereiche, die Sie gerne dargestellt hätten, auf die Sie aber verzichten mussten?
Petra Marx: Wir haben versucht, auch den Lebenswelten der Frauen im 12. Jahrhunderts den gebührenden Raum zu geben, mit der erwähnten Hildegard von Bingen, aber auch den beiden Gemahlinnen Barbarossas, Adela von Voburg und Beatrix von Burgund. Hier ist das Quellenmaterial jedoch eher dürftig – im Unterschied zur Gattin Heinrichs des Löwen, Mathilde von England, die bei den hochrangigen Kunststiftung des Welfenherzogs offenbar eine große Rolle spielte, die wir im Kapitel II auch besonders herausstellen. Und wir haben die Historikerin Hedwig Röckelein gebeten, einen entsprechenden Beitrag für den Katalog zu verfassen. Dieser stellt die Cappenberger Gemahlin des Grafen Friedrich von Arnsberg, Jutta/Ida von Arnsberg, in den Mittelpunkt.
Mittelalter Digital: Die Beschäftigung mit mittelalterlicher Kultur, Geschichte und Literatur ist aufgrund der Quellen oft deckungsgleich mit der Beschäftigung mit der mittelalterlichen „Upper Class“. Wenn man nicht gerade ein dezidiert geistliches Thema darstellt, wie es aktuell viele Sonderausstellungen im Land tun, muss sich der Fokus fast zwangsläufig auf den weltlichen Adel richten (auch wenn es natürlich ganz große Überschneidungen zwischen den beiden Bereichen gibt). Stellt dieser Umstand Sie oder Museen generell vor Schwierigkeiten?
Petra Marx: Für andere Museen kann ich das nicht beantworten. Tatsächlich wurde dieser Umstand in den Vorgesprächen im Museumsteam kritisch diskutiert: Wo bleibt das tägliche Leben des 12. Jahrhunderts, die Blütezeit der frühen Stadtgründungen, die wichtige Rolle der Kaufleute für den Handel und vor allem auch die Bauern, die mit ihrer Arbeit die Grundlage stellten für die ganze elitäre Herrlichkeit?
Gerd Dethlefs hat die mittelalterlichen Stände und ihre Funktionen im Cappenberger Ausstellungsteil einmal aufgefächert und erläutert. Mit dem von Anfang an ausgewiesenen kunsthistorischen Schwerpunkt im LWL-Museum für Kunst und Kultur war dieser breitere Ansatz nicht möglich. Die mittelalterliche Kunstproduktion bleibt, wie wir in einem anderen großen Ausstellungsprojekt im Jahr 2012 zusammen mit dem Exzellenzcluster vorgeführt haben, bis ins 13. Jahrhundert nur den führenden Bevölkerungsschichten vorbehalten. In der Lebenszeit von Barbarossa war dies noch nicht der Fall.
Mittelalter Digital: Das politische Verhalten mittelalterlicher Herrscher wird seit dem spätantiken bzw. frühmittelalterlichen Kirchenlehrer Isidor von Sevilla nicht selten zwischen den beiden Tugenden der clementia (Barmherzigkeit) und des rigor iustitiae (Strenge der Gerechtigkeit) bewertet. Einerseits waren Herrscher angehalten, christliche Nachsicht zu üben, andererseits konnten sie sich Ansehen und Respekt durch Anwendung von Gewalt verschaffen. Zudem war für Barbarossa der honor imperii (Ehre des Reiches) eine wichtige Kategorie, an der er sein Handeln ausrichtete. Spielen diese Aspekte in Ihrer Ausstellung eine Rolle?
Symbolische Kommunikation und ritualisierte Akte bestimmten den gesellschaftlichen und politischen Alltag des Adels. Ob Barbarossa bei seinem Vetter Heinrich den Löwen per Kniefall nachdrücklich und selbsterniedrigend um Unterstützung für einen Italienfeldzug gebeten hat, ist zu Lebzeiten der beiden nicht belegt. Bildnachweis.
Petra Marx: Welche große Bedeutung diese abstrakten Begriffe für das Regiment des Staufers hatten, wird in der herausragenden Biografie von Knut Görich sehr eindrücklich vermittelt. Die entsprechenden Urkunden, Bücher, Realien und Kunstwerke haben wir in den Ausstellungskapiteln so zusammengestellt, dass sie die herrscherliche Ausrichtung an diesen Tugenden für die BesucherInnen in Geschichten nacherzählen.
So stellen wir zum Beispiel dem Armreliquiar Karls des Großen aus dem Pariser Louvre, das die an der Front die Reliefs der Halbporträts von Barbarossa und Beatrix zeigt, die kaiserlichen Siegel und Bullen zur Seite, die ebenfalls Abzeichen der Machtausübung, Krone, Szepter und Reichsapfel präsentieren. Zur Ausstattung des tugendhaften und frommen Regenten gehörten auch die so genannten Armillae mit Szenen der Passion Christi, das Exemplar im Louvre und vieles mehr.
Mittelalter Digital: Museen vermitteln zwischen den Bereichen der akademischen Beschäftigung mit Geschichte und dem Geschichtsinteresse der breiten Bevölkerung: Nun zählt Barbarossa zu den beliebteren Forschungsgegenständen, insofern ist eine Auseinandersetzung mit seiner Figur schon quantitativ herausfordernd. Wie eng kooperieren Sie für die Ausstellung mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern? Und wie gestaltet sich die Herausforderung, Forschungserkenntnisse für ein interessiertes Museumspublikum aufzubereiten?
Petra Marx: Mein eigener Anspruch an die Museumsarbeit, und das betrifft auch die große Sonderausstellung, ist der, dass es immer neue wissenschaftliche Erkenntnisse gibt. Ich selbst bin über die letzten Jahre davon ausgegangen (und mit diesem Etikett haben wir ihn 2012 auch in der erwähnten Schau „Goldene Pracht. Schatzkunst in Westfalen“, deren Kuratorin ich war, als „Barbarossakopf“ gezeigt). Innerhalb von 10 Jahren wurde Kopf jedoch quasi entzaubert und als in der Zeit schon gängiges Heiligenreliquiar für den Patron der Cappenberger Stiftskirche identifiziert.
Bei den entsprechenden technologischen Untersuchungen im Vorfeld der Ausstellung in den Jahren seit 2017 war das Museum in meiner Person immer beteiligt; wir haben für die geplante Ausstellung Fotos und Filme der Untersuchungen gemacht, uns finanziell beteiligt etc. Schon erwähnte Fachleute wie Knut Görich, Jan Keupp, Hedwig Röckelein oder auf Museumsseite Michael Brandt und vor allem Lothar Lambacher vom Berliner Kunstgewerbemuseum haben ganz unabhängig von der Ausstellung bzw. weit darüber hinaus neue Erkenntnisse gewonnen, die in einen gewichtigen Kolloquiumsband eingeflossen sind und die wir nun erstmals der großen Öffentlichkeit präsentieren.
Insofern ist unsere Sonderausstellung zu diesem herausragenden Thema auch ein großer Glücksfall. Wir KuratorInnen sind immer auch dazu angehalten, wissenschaftlichen Input zu geben und bemühen uns nach Kräften darum. Im Fall der Ausstellung zu Barbarossa werden auch neue Erkenntnisse zu eigenen Werken der Sammlung einfließen.
Mittelalter Digital: Jede Ausstellung lebt von ihren Exponaten. Wie sind Sie bei der Auswahl potenzieller Stücke vorgegangen? Dürfen Sie schon verraten, auf was Besucherinnen und Besucher sich in der Ausstellung freuen können?
Petra Marx: Die Ausstellung zeigt die ganze Bandbreite hochmittelalterlicher Kunst zur Zeit des Stauferkaisers, eine Welt in all ihren Widersprüchen und Glanzpunkten. Es würde zu weit führen, alle Highlights aufzuzählen. Dazu zählen sicherlich das schon erwähnte Armreliquiar Karls des Großen aus dem Pariser Louvre; eine steinerne Spottfigur von der Mailänder Porta Romana, die als mögliche Darstellung Barbarossas mit der Zerstörung und Plünderung der Stadt in Verbindung gebracht wird; eine Handschrift aus Brüssel mit einem berühmten Lobgedicht auf den Kaiser; das Hildesheimer Oswald-Reliquiar aus Ausweis der anspruchsvollen Stiftungstätigkeit Heinrichs des Löwen und seiner englischen Gemahlin Mathilde sowie deren persönlicher Psalter aus der Londoner British Library.
Das Kopfreliquiar des Hl. Oswald von Nordumbrien gehört zu den beeindruckendsten Artefakten mittelalterlicher Goldschmiedekunst – und erzählt viel darüber, wie Herrschaftslegitimation über Reichsgrenzen hinweg inszeniert wurde. Bildnachweis.
Zu den einzigartigen künstlerischen Zeugnissen aus der näheren Umgebung zählen das Triumphkreuz aus dem Mindener Domschatz oder die 1166 entstandenen Glasmalereien aus der Soester Stiftskirche Sankt Patrokli. Tatsächlich wartet die Sonderausstellung mit einigen Objekten der europäischen Kunstgeschichte des 12. Jahrhunderts, also der Lebenszeit Barbarossas, auf.
Mittelalter Digital: Wir haben es anfangs bereits kurz erwähnt: Barbarossa ist von seinen Zeitgenossen und in der Rezeption späterer Jahrhunderte durchaus ambivalent wahrgenommen worden. Die Bewertung nationalistischer Stimmen des 19. Jahrhunderts, er sei der letzte große deutsche Herrscher des Mittelalters gewesen, unterliegt genauso wie national-italienische Narrative vom ausländischen Usurpator Barbarossa, ganz bestimmten Lesarten von Geschichte. So wurde etwa noch vor wenigen Jahren der italienische Spielfilm „Barbarossa“ (Regie: Renzo Martinelli) im Hinblick auf nationalpolitische Tendenzen in seiner Ausgestaltung kontrovers diskutiert. Insbesondere am Standort Cappenberg wird die Ausstellung sich ja mit der Rezeption des Staufers beschäftigen. Ein gleichermaßen spannendes wie herausforderndes Feld, nicht wahr?
Petra Marx: Absolut. Am Anfang war es sehr schwierig, sich von diesen Bildern und Vorstellungen zu lösen, das kann ich für mich auf jeden Fall sagen, und das war auch insgesamt im Museum so. Auch bei der Vorbereitung der Ausstellungsinszenierung bestand durchaus die Gefahr, in alte Klischees zu verfallen. Dass wir den Mythos Barbarossa in Münster komplett ausklammern, war mir persönlich sehr wichtig:
Einmal, weil es sich mit Theodor Fontane um ein weites Feld handelt und zum zweiten, weil es in seiner Komplexität zu viel Raum eingenommen hätte. Schloss Cappenberg als Ausstellungsort ist vielmehr dazu geeignet, zumindest knapp auf das Thema der Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert einzugehen. Dort waren bzw. sind Kopf und Schale; dort befindet sich auch das berühmte Gemälde, das der Freiherr vom Stein bei dem Maler Schnorr von Carolsfeld in Auftrag gegeben wurde, und das in Anlehnung an Raffaels Grablegung Christi darstellt, wie der nackte Leichnam des Kaisers nach seinem Tod im Fluss Saleph geborgen wird. Der Auftraggeber hat sich als Reichskanzler in einem Kryptoporträt selbst einfügen lassen und blickt ernst auf die Szenerie.
Barbarossa starb als Anführer der deutschen Kreuzfahrerkontingente auf dem Dritten Kreuzzug, indem er 1190 unter ungeklärten Umständen im Fluss Saleph in der heutigen Türke ertrank. Der Maler Julius Schnorr von Carolfsfeld hielt die Bergung des Leichnams in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eindrücklich fest. Bildnachweis.
Mittelalter Digital: Die moderne Forschung zeichnet auf Grundlage akribischer Quellenarbeit ein anderes Bild, das versucht, das Leben und Wirken Barbarossas vor dem kulturellen und geistesgeschichtlichen Hintergrund seiner Zeit zu erklären. Nationale Lesarten werden in diesem Kontext durch differenzierte Betrachtungsweisen ersetzt, die uns die Alterität des Mittelalters anschaulich vor Augen führen. Haben Sie in der Ausstellung die Möglichkeit, solche Themen – etwa die starke religiöse Durchdringung des Alltags – darzustellen?
Petra Marx: Die Darstellung eines mittelalterlichen Sujets im Museum ist ohne eine solche Aufbereitung gar nicht möglich. Ich selbst bin als Mediävistin sozusagen damit groß geworden, dass jedes Kunstwerk nur in seinem historischen, funktionalen und frömmigkeitsgeschichtlichen Zusammenhang gedeutet, verstanden und damit auch erklärt werden kann. Vom reinen Faltenzählen und absoluten Stilvergleichen ist die Kunstwissenschaft schon lange weit entfernt, mein Doktorvater Robert Suckale hat dabei eine wegweisende Rolle gespielt, aber eben auch der von Ihnen erwähnte Forschungsbereich zur symbolischen Kommunikation seitens führender HistorikerInnen.
Ein aktuelles Schlagwort der Forschung ist die Performanz, welche die einem Artefakt innewohnenden Qualitäten erforscht, wenn damit zum Beispiel im Ablauf der Liturgie Handlungen vollzogen werden: der Abendmahlskelch erhoben, das Kreuz präsentiert, mit dem Reliquienarm gedeutet etc. Damit hat die aktuelle Mittelalterforschung auch große Schritte gemacht seit der legendären Staufer-Ausstellung 1977 in Stuttgart. Heute wäre es allerdings nicht mehr möglich, eine solche Vielzahl von mittelalterlichen Kostbarkeiten zusammenzubringen – aber wir wissen oft mehr über die Werke als eben vor fünfzig oder sechzig Jahren. Da ich im Schwabenland aufgewachsen bin, hätte die die Stuttgarter Ausstellung mit 11 Jahren sogar sehen können…
Mittelalter Digital: Liebe Frau Marx, zum Abschluss eine persönliche Frage: Gibt es einen Aspekt, der Sie an Friedrich Barbarossa besonders fasziniert?
Petra Marx: Für mich war und ist die Ausstellungsvorbereitung eine großartige Gelegenheit, um mich mit diesem mir bislang nicht so vertrauten König und Kaiser zu beschäftigen. Mir war nicht klar, wie eingeschränkt die Handlungsspielräume des Throninhabers waren, sowohl unter seinesgleichen, also im Kreise der weltlichen und geistlichen Fürsten, aber auch in der politischen oder kriegerischen Auseinandersetzung mit seinen Feinden sind, zum Beispiel unter dem Stichwort „Ehre“.
Auch wenn man mit den entsprechenden Quellen natürlich sehr vorsichtig umgehen muss, so gefällt mir die Vorstellung, dass es sich um einen intelligenten, womöglich witzigen und charismatischen, aber auch jähzornigen Menschen gehandelt haben mag – eine Persönlichkeit mit vielen Facetten jedenfalls und auch damit unserer heutigen Lebenswelt gar nicht so weit entfernt.
Mittelalter Digital: Die Ausstellung ›Barbarossa: Die Kunst der Herrschaft‹ startet ab dem 14. September (im Museum Schloss Cappenberg) bzw. 28. Oktober (in Münster). Wir werden uns ab dem 26. September in einer großen Themenreihe auf Instagram und Facebook ebenfalls dem rotbärtigen Kaiser und seiner Zeit widmen. Alle weiteren Infos zur Ausstellung findet ihr auf der Webseite des LWL Museums für Kunst und Kultur.
Das Interview führte Tobias Enseleit.