Ein Actionfilm im Buchformat: ›Essex Dogs‹ von Dan Jones
Tobias Enseleit
Jüngst ist der dritte Band der ›Essex Dogs‹-Reihe von Dan Jones ›Löwenherzen‹ in deutscher Übersetzung im Verlag C.H. Beck erschienen. Die Reihe begleitet eine Bande abgehalfterter Soldaten aus England durch die Tücken des Hundertjährigen Krieges, dessen Schrecken die Männer trotzen müssen. Im Zentrum der Handlung steht dabei der altgediente Kämpe Loveday, der seine besten Jahre bereits hinter sich und alle Mühe hat, seine Gruppe unbeschadet zusammenzuhalten. Dan Jones gilt auch mit Blick auf Sachbücher als Autor, der historische Ereignisse spannend nacherzählen kann. Da kann das Abenteuer doch beginnen, oder?
Der Hundertjährige Krieg gilt insbesondere im angelsächsischen Raum als ein Schlüsselereignis mittelalterlicher Geschichte und wurde in der Folge bereits früh und danach regelmäßig Setting populärkultureller Adaptionen – man denke nur an die Shakespeare-Verfilmungen ›Heinrich V.‹ mit und von Laurence Olivier (Großbritannien 1944) oder ›Henry V.‹ von und mit Kenneth Branagh (Großbritannien 1989), während in jüngerer Vergangenheit ›The King‹ mit Timothée Chalamet in der Hauptrolle (USA / Australien / Großbritannien 2019) die Geschichte um Heinrich V. und die berühmte Schlacht von Azincourt neu interpretiert hat.
Aus Alt mach Neu
Dan Jones greift mit seinen ›Essex Dogs‹ also ein wohlbekanntes Setting auf, beschreitet dabei aber gleichzeitig neue Wege, indem er den Fokus seiner Erzählung nicht auf die hohen Herren legt, sondern auf das in der Regel ansonsten namenlos gebliebene Fußvolk. Dieser Perspektivwechsel ist erfrischend, entdeckt man auf diese Weise an Altbekanntem neue Facetten.
Dan Jones' Erzählung greift über alle Romanteile hinweg berühmte Schlüsselereignisse wie die Schlacht von Crécy 1346 oder die Belagerung von Calais auf. Leser und Leserinnen begleiten damit Loveday und seine Männer durch halb Frankreich, durch Gefechte, Schlachten und Belagerungen und lernen dabei die wirklich unschönen Seiten eines mittelalterlichen Soldatenleben kennen – jedenfalls in der Fiktion des 21. Jahrhunderts.
Oft verbietet sich ein Vergleich zwischen unterschiedlichen Medienarten, aber bei Dan Jones‘ ›Essex Dogs‹-Reihe bietet er sich aufgrund der Leichtigkeit der Erzählweise geradezu an. In vielen Parametern ähneln die Romane nämlich ehrlicher (und nicht wirklich tiefgründiger) Actionfilme vergangener Jahrzehnte: Die Handlung ist simpel und konfliktgeladen, die Figuren sind (mit wenigen Ausnahmen) schablonenhaft gezeichnet, Protagonisten wie Antagonisten sind schnell erkennbar.
Was sich vielleicht despektierlich ist, ist eine Stärke der Romanreihe – wenn man die entsprechende Lektüre sucht. Die ›Essex Dogs‹ sind im besten Sinne leichte Kost. Die Geschichte und die Figuren – so simpel sie auch sein mögen – erfüllen ihren Zweck in einer unterhaltsamen wie kurzweiligen Lektüre. Dan Jones präsentiert hier Popcornkino im Buchformat, und das weiß durchaus zu fesseln, solange man keine tiefgründige komplexe Geschichte mit unvorhergesehenen Wendungen in der Handlung erwartet.
Gewalt und Konflikte, eine derbe Sprache und ein im Grunde vollständig männliches Figurenpersonal prädestinieren die ›Essex Dogs‹ dabei wahrscheinlich für ein vornehmlich männliches Lesepublikum. Der Male Gaze zieht sich durch die gesamte Romanhandlung und bestimmt auch die Figurenzeichnung. Auch dieser Umstand zieht Parallelen zum Actionkino der Vergangenheit.
Fazit
In diesem Sinne präsentieren sich Dan Jones' Romane durch und durch modern vor einer historischen Kulisse, die durch die Adaption realer Ereignisse und Figuren ein ausreichend großes Gefühl von Authentizität erzeugt. Gestärkt wird die so realisierte Authentizitätsfiktion durch zahlreiche Quellenzitate, welche die Einzelkapitel atmosphärisch einleiten und einen Hinweis darauf geben, durch welche Passagen sich Dan Jones beim Verfassen seiner Romane direkt hat inspirieren lassen.
Auch wenn die Romane grundsätzlich auch für sich genommen gelesen werden können, bietet es sich an, Loveday und seine Kumpanen durch die gesamte Reihe zu begleiten. Wer sich für das Setting und eine Handlung, die sich „gut weglesen lässt“, erwärmen kann, der kann unbeschwert einen Blick in Dan Jones‘ ›Essex Dogs‹ riskieren und den Hundertjährigen Krieg auf eine erfrischend andere Art kennenlernen.
Alle weiteren Informationen zur Romanreihe findet ihr auf der Webseite von C.H. Beck.