Leben wie zur Zeit Karls des Großen: Im Interview mit Claus Kropp
Tobias Enseleit
In unmittelbarer Nähe des einst hochbedeutenden Klosters Lorsch, das östlich von Mainz gelegen zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, wurde 2014 das ›Freilichtlabor Lauresham‹ eröffnet. Dort wird auf historischem Grund und Boden ein karolingerzeitlicher Herrenhof aus der Zeit um 800 errichtet – nicht auf Grundlage archäologischer Grabungen vor Ort, sondern als idealtypische, überlieferungsgestützte (Re-)Konstruktion eines Karolingerhofes; so, wie es ihn gegeben haben könnte. Wir sprechen, nachdem wir im letzten Sommer die Anlage im Rahmen des Kaiserjahrs 2020 besuchen konnten, mit Claus Kropp, dem Leiter des experimentalarchäologischen Freilichtlabors Lauresham, der dort mit seinem Team daran arbeitet, das Frühmittelalter auf ganz besondere Art erfahrbar zu machen.
Claus Kropp leitet seit dem Jahr 2013 das Freilichtlabor Lauresham und hat vorher am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte der Universität Heidelberg als Wissenschaftlicher Mitarbeiter gelehrt und geforscht.
Mittelalter Digital: Lieber Herr Kropp, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, uns das Experiment Lauresham näherzubringen. Wie ist es dazu gekommen, dass sich heute unweit der der historischen Anlage Lorsch ein karolingischer Herrenhof über mehrere Hektar erstreckt – mit allem Drum und Dran, von Ställen, Webstühlen, einem Kirchlein bis hin zu Hühnern und Schweinen?
Claus Kropp: Ermöglicht wurde das Projekt durch ein Investitionsprogramm „Nationale Welterbestätten“ aus dem Jahr 2009, bei dem sich seinerzeit auch die Stadt Lorsch in Kooperation mit der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen beworben hatte. Das einst so bedeutende Kloster Lorsch war bis zu diesem Zeitpunkt aufgrund seines heute so fragmentarischen Charakters oft auch als „Verlorenes Kloster“ bezeichnet worden.
Das Freilichtlabor befindet sich in unmittelbarer Nähe zu den Überresten des im Mittelalter hochbedeutenden Klosters Lorsch. Gäste kommen also gar nicht umhin, sowohl das „echte“ als auch das möglichst echt nachempfundene Mittelalter zu besuchen.
Die Förderanträge mit einem Volumen von insgesamt knapp 12 Millionen Euro galten demnach vor allem der Verbesserung der Erlebbarkeit der UNESCO Welterbestätte Kloster Lorsch. Ein wichtiges didaktisches Mittel sollte dabei ein neu zu entwickelndes 1:1 Modell eines karolingerzeitlichen Herrenhofes sein. Dort sollte es den Besucher:innen ermöglicht werden, Alltagskultur der Frühmittelalters, Grundherrschaft, aber auch Landwirtschaft auf anschauliche Art und Weise näher gebracht zu bekommen.
Zugleich sollte es ein Ort der Forschung werden, insbesondere der Experimentellen Archäologie. Da letztlich alle beantragten Förderanträge vom Bund positiv beschieden wurden, blieb dies keine „Idee für die Schublade“, sondern wir konnten tatsächlich zwischen 2010 und 2014 das Freilichtlabor Lauresham erschaffen.
Das Freilichtlabor aus der Vogelperspektive (Bildnachweis: © Staatliche Schlösser und Gärten Hessen).
Mittelalter Digital: Was genau machen Sie und Ihr Team in Lauresham?
Claus Kropp: Die Arbeit unseres Teams kann im Grunde zweigeteilt werden. Auf der einen Seite geht es ganz im Sinne eines klassischen archäologischen Freilichtmuseums darum, den Besucher:innen einen möglichst ganzheitlichen Einblick in die mögliche damalige Lebenswirklichkeit zu geben. Demnach sind alle im Freilichtlabor befindlichen Hausmodelle voll und ganz eingerichtet, es gibt Gärten, Wiesen, Weiden und auch Felder.
Insofern wird neben dem eigentlichen Besucherverkehr (Führungen, Workshops, Thementage) im Freilichtlabor vor allem fleißig geackert, gepflanzt, geerntet, geschmiedet oder auch gedrechselt, um nur einige Beispiele zu nennen. Auf der anderen Seite arbeiten wir vor Ort an gleich mehreren experimentalarchäologischen Langzeitstudien zum Hausbau, aber auch zur Landwirtschaft und dem Waffenhandwerk.
Das Freilichtlabor steht auch Besucherinnen und Besuchern offen, die in Lauresham allerhand entdecken können.
Mittelalter Digital: „Experimentalarchäologisches Freilichtlabor Lauresham. Ein Hof der Karolingerzeit, so wie es ihn gegeben haben könnte“: Das klingt nach viel Ausprobieren und Testen. Auf welchen Quellengattungen oder konkreten Quellen basiert Ihre Arbeit und an welchen Stellen beginnt das Experimentieren?
Claus Kropp: Im Grunde kann gesagt werden, dass stets alle uns zur Verfügung stehenden Quellen herangezogen werden müssen, um ein möglichst vollständiges Bild der damaligen Zeit zu bekommen oder diese zu erforschen. Neben klassischen schriftlichen Quellen (im Frühmittelalter sind dies zum Thema Grundherrschaft beispielsweise Urbare, Volksrechte oder auch Kapitularien) sind es vor allem die archäologischen, archäozoologischen oder auch archäobotanischen Quellen, die wir intensiv studiert haben.
Hinzu kommen ikonographische Quellen sowie ein, soweit sinnvoll, volkskundlicher Vergleich. Diese Quellengrundlage bildet dann schließlich auch das Fundament der darauffolgenden experimentalarchäologischen Arbeit vor Ort. Wollten wir beispielsweise herausfinden, wie ein frühmittelalterlicher Hakenpflug konkret in einem bestimmten Bodentyp funktioniert hat, so haben wir zunächst ein entsprechendes Modell konstruiert, eine Forschungsfrage erarbeitet und dann eine Reihe praktischer Tests durchgeführt, sei es zur benötigten Zugleistung für den Pflug, zu Abnutzungserscheinungen an der Pflugschar oder auch Konstruktionsdetails am hölzernen Teil dieses Arbeitsgerätes.
Mittelalter Digital: Wir können heute ja niemanden mehr fragen, „wie es damals war“. Die Schrift- und Bildquellen, auf die wir zurückgreifen können, bedürfen stets der Interpretation und sträuben sich mitunter dagegen, unter bestimmten Gesichtspunkten gelesen zu werden. Mit welchen methodischen Schwierigkeiten sind Sie in Lauresham konfrontiert, wenn es gilt, Überlieferung nicht nur zu lesen und zu verstehen, sondern in etwas „Wirkliches“ zu verwandeln?
In Lauresham gibt es eine ganze Reihe (tierischer) Stammgäste.
Claus Kropp: Entscheidend ist stets eine hinreichende Quellenkritik, ohne die eine solide wissenschaftliche Arbeit nicht möglich ist. So gilt es im Falle archäologischer Quellen und einer möglichen (Re-)Konstruktion ja stets zu berücksichtigen, welche Transformationsprozesse im Laufe der Jahrhunderte ein Werkzeug, ein Schmuckstück oder auch eine Waffe durchlaufen hat.
Wichtig ist deshalb eine intensive Analyse der Funde, sei es was die Materialzusammensetzung angeht aber auch in Bezug auf (Ab-)Nutzung. Hier kommt dann auch schnell die Experimentalarchäologie ins Spiel, erlaubt diese doch in konkreten Versuchsanordnungen auch „Trial and Error“ durchzuexerzieren und stets an einer Verbesserung, an einer weiteren Annäherung an das Frühmittelalter zu arbeiten.
Fakt bleibt allerdings, dass es nie möglich sein wird, die vergangene Wirklichkeit in ihrer Ganzheit zu rekonstruieren; wir können aber „Brücken“ bauen und je besser die wissenschaftliche Arbeit dabei durchgeführt wird, desto stabiler sind die „Brückenpfeiler“, die unsere Annäherung an diese Zeit erst ermöglichen.
Mittelalter Digital: Wenn man Ihrem Instagram-Account folgt, merkt man rasch, dass Sie in Lauresham auch zahlreiche Einzelprojekte verfolgen, die in ihrer spezifischen Ausrichtung sehr voraussetzungsreich scheinen. Unter anderem gehen Sie dem zeitgenössischen Ackerbau und der Nutzung alter Nutztierrassen auf den Grund, die Sie – wenn ich das richtig verfolgt habe – auch erst einmal nachzüchten müssen. Spätestens hier reichen mediävistische Kompetenzen nicht mehr aus. Wie ist Ihr Team zusammengesetzt und wie arbeiten Sie zusammen, um einer solch interdisziplinären Herausforderung zu begegnen?
Claus Kropp: Lauresham versteht sich als „Spielwiese für die Forschung“ und deshalb bauen wir schon von Beginn an auf intensive Kooperationen mit Hochschulen, den Landesdenkmalämtern aber auch Dachverbänden und Organisationen wie EXARC (Welcome to EXARC | EXARC) oder AIMA (Agricultural Museums – International Association of Agricultual Museums). Für die praktischen Aspekte der einzelnen Projekte arbeiten wir darüber hinaus mit einer Reihe von Handwerkern und Archäotechnikern zusammen, allen voran sicher die Firma Trommer Archäotechnik in Blaubeuren, mit denen wir gemeinsam auch unser Panzerreiterprojekt bestreiten.
Das wissenschaftliche Team vor Ort – ich bin selbst Historiker und Archäologe sowie Nebenerwerbslandwirt – ist glücklicherweise ebenfalls breit aufgestellt. Seit über drei Jahren arbeitet regelmäßig eine wissenschaftliche Hilfskraft an unseren Landzeitstudien zum frühmittelalterlichen Ackerbau mit. Seit Oktober 2019 konnten wir zusätzlich eine Absolventin des Studiengangs Ökologische Landwirtschaft mit ins Boot holen.
Mittelalter Digital: Um im Bereich der Landwirtschaft und Nutztierhaltung zu bleiben: Welche Getreidearten bauen Sie auf welche Weise an? Welche Tiere bewohnen Lauresham? Und auf welcher Quellengrundlage kann man in diesem Kontext überhaupt arbeiten? Haben Sie durch Ihre Arbeit konkrete Erfahrungswerte und Erkenntnisse gewinnen können?
Insbesondere in den sonnigen Monaten wirkt Lauresham richtig idyllisch – doch lässt die Arbeit nicht lange auf sich warten.
Claus Kropp: Wir versuchen im Freilichtlabor die Vielfalt der damaligen Ackerfrüchte abzubilden, so dass wir in Bezug auf Getreide sowohl Roggen, Gerste, Hafer und Weizen, aber auch Emmer und vor allem Dinkel anbauen. Diese Getreidesorten werden, eingebunden in eine Dreifelderwirtschaft, sowohl auf mit Hakenpflügen bewirtschafteten Äckern als auch auf unseren mit dem Beetpflug aufgepflügten Wölbäckern angebaut.
Alle anfallenden Zugarbeiten werden dabei ausschließlich von den in Lauresham gehaltenen Kühen und Ochsen der Rasse Rätisches Grauvieh durchgeführt. Diese kleine Schweizer Hochgebirgsrasse passt aufgrund ihrer geringen Größe und des Körperbaus ganz gut zu den frühmittelalterlichen Rinderschlägen Süddeutschlands. Grundsätzlich wurde für die (Re)konstruktion der damaligen Nutztierrassen vor allem der archäozoologische Quellenbestand zu Rate gezogen.
Meist landet man bei diesen „Annäherungsversuchen“ dann bei alten und oft bedrohten Nutztierrassen. Wie viele andere andere Einrichtungen dieser Art sind wir deshalb mit unseren Schweinen, Rindern, Schafen, Ziegen, Gänsen und Hühnern auch Mitglied in der GEH, Gesellschaft für die Erhaltung alter und bedrohter Haustierrassen e.V.
Ohne die Hilfe von Nutztieren war eine mittelalterliche Landwirtschaft undenkbar.
Ich sehe es als Privileg an, dass wir in Lauresham die Möglichkeiten haben, soviele verschiedene Nutzpflanzen und Nutztiere halten und anbauen zu dürfen, erlaubt doch erst diese echte landwirtschaftliche Bewirtschaftung das Sammeln der notwendigen Erfahrung, welche für die Beantwortung der zentralen Fragestellungen zur mittelalterlichen Landwirtschaft wichtig ist. So war es beispielsweise erst durch die Bewirtschaftung der Ackerflächen mit den Rindern möglich, realistisch den damaligen Arbeitsaufwand und die benötigte Zugleistung bewerten zu können.
Mittelalter Digital: Können Sie anhand des Projekts Rückschlüsse darauf ziehen, wie gut vernetzt ein derartiger Hof sein musste, um eine umfassende Versorgung zu gewährleisten? Oder konnte ein solcher Hof autark betrieben werden?
Claus Kropp: Diese Frage kann man nicht pauschal beantworten. Es gab nicht „den“ Herrenhof der Karolingerzeit, sondern stets eine Vielzahl unterschiedlicher Varianten. So gab es damals durchaus Höfe, die im Sinne einer agrarsklavistischen Gutsherrschaft alle anfallenden Arbeiten mit den hofeigenen Unfreien autark erledigen konnten.
Weit verbreitet war aber auch die bipartite Grundherrschaft, bei der die Herrenhöfe eine wichtige Funktion als Sammelstelle grundherrschaftlicher Abgaben und Frondienste einnahmen, ein Teil des Herrenlandes aber an die Hörigen, in diesem Fall servi casati oder mancipia genannt, ausgegeben wurde. In jedem Fall waren diese Herren- oder Fronhöfe in vielerlei Hinsicht wichtige Wirtschaftsbetriebe, oft auch mit angeschlossenem Handwerk (z. B. Textilverarbeitung), ohne die das Funktionieren der mittelalterlichen Grundherrschaft nicht möglich gewesen wäre.
Das Ergebnis spricht für sich.
Mittelalter Digital: Ein weiteres Projekt geht in eine ganz andere Richtung: Sie versuchen, die Ausrüstung eines karolingischen Panzerreiters nachzuarbeiten. Was genau gehört zu einer Panzerreiterausrüstung?
Claus Kropp: Wir wissen über einen Brief Karls des Großen an den damaligen Abt Fulrat von St. Denis ganz gut über die Ausstattung so eines berittenen Kriegers der Karolingerzeit Bescheid. Neben der Spatha, dem charakteristischen Schwert der Karolingerzeit, gehörte dazu auch Lanze, Sax, Pfeil und Bogen sowie Schild und Rüstung. Das deckt sich auch mit den Grabausstattungen, die wir aus der späten Merowingerzeit noch fassen können.
Eine fränkische Spatha vor der Torhalle des Klosters Lorsch.
Mittelalter Digital: Auch hier stellt sich einerseits die Frage nach der Quellengrundlage und andererseits nach den Kompetenzen, die für die Herstellung einer solchen Ausrüstung vonnöten sind. Ohne Fachmann wird man auch hier nicht weitkommen, oder?
Claus Kropp: Ja, das ist absolut richtig. Hier sind wir dankbar, mit einem erfahrenen Team an Archäotechnikern und Schmieden zusammenarbeiten zu dürfen. Darüber hinaus sind wir über die gute Zusammenarbeit mit den archäologischen Sammlungen der Landesämter oder auch den rem in Mannheim dankbar, so dass an entsprechenden Originalfunden Proben zur Materialanalyse genommen werden konnten.
In Bezug auf Spatha, Sax und Lanze konnten wir deshalb bereits relativ hochwertige (Re)Konstruktionen herstellen, welche sich letztlich auch mit vielen bildlichen Darstellungen in Bilderpsalterien der Karolingerzeit decken. Schwieriger ist eine (Re)Konstruktion immer dann, wenn keine oder nur sehr wenige archäologische Vorbilder existieren und man beispielsweise allein auf die ikonographische Überlieferung angewiesen ist. Der Schuppenpanzer ist da ein gutes Beispiel: Es gibt für das gesamte Frankenreich nur ein paar wenige einzelne Schuppen, die uns überliefert sind.
In jedem Schmiedeerzeugnis stecke harte Arbeit und fachliches Know How.
Das reicht natürlich nicht aus, um originalgetreu einen kompletten Panzer nachbauen zu können. Wir haben uns in diesem Fall deshalb dazu entschieden, unseren Besuchern lieber verschiedene Varianten einer möglichen (Re)Konstruktion vorzustellen und diese in die Forschungsdiskussion einzubinden, anstatt eine davon als postulierte Wirklichkeit zu zeigen.
Mittelalter Digital: Bei der Besichtigung von Lauresham wird einem trotz aller Naturromantik (jedenfalls in den schönen Monaten) schnell bewusst, wie mühsam, schwerfällig und insbesondere auch anders das Alltagsleben um 800 gewesen sein muss. Das beginnt beim fehlenden Kühlschrank oder Fensterglas und endet beim Gemeinschaftsschlafen im Wohnraum. Wie sind in diesem Kontext der Ressourcen- und der Zeitaufwand zur Herstellung einer Panzerreiterausrüstung zu bewerten?
Claus Kropp: Der Ressourcenaufwand für die Herstellung solcher Waffen, welche damals ja zugleich Statussymbole gewesen sind, kann nicht hochgenug angesetzt werden. Wenn mir an dieser Stelle ein Vergleich zu heute erlaubt sei, so kann man die bisherigen von uns hergestellten Ausstattungsgegenstände ohne weiteres mit einem ganzen Fuhrpark wertiger Mittelklassewagen vergleichen.
Die dafür notwendigen Ressourcen mussten dabei unter Ausschöpfung des gesamten Potentials der jeweiligen Grundherrschaften bereitgestellt werden. Der Weg vom Erz bis zur fertigen Schwertklinge mit Messingtauschierungen am Knauf ist ein sehr langer. Außerdem war das technische „Know How“, diese Waffen überhaupt herstellen zu können, auch nicht überall vorhanden.
Gerade deshalb nimmt die Forschung heute zu Recht an, dass als Herstellungsorte solcher Waffen oft nur große Grundherrschaftsträger wie das Kloster Lorsch, Fulda oder auch die königliche Grundherrschaft mit bedeutenden Königshöfen in Frage kommen.
Die Rekonstruktion des frühmittelalterlichen Hofes spart auch die Innenbereiche der Behausungen nicht aus – hier der „Festsaal“ des Herrenhauses.
Mittelalter Digital: Mit Blick auf den universitären Betrieb: Arbeiten Sie darauf hin, dass die Ergebnisse, die in Lauresham gewonnen werden, Eingang in die universitäre Lehre und Forschung finden?
Claus Kropp: Seit dem Wechsel von der Universität zu meinem jetzigen Arbeitsplatz bin ich stets darum bemüht, die in Lauresham gewonnenen Erkenntnisse im Rahmen von Lehrveranstaltungen, Vorträgen oder auch im Rahmen von Workshops und Tagungen im In- und Ausland Kolleg:innen und Studierenden näher zu bringen. Dies resultiert nicht nur in einer gesteigerten Anzahl studentischer Praktika vor Ort, sondern auch in immer wieder neu hinzukommenden Kooperationen, was uns natürlich überaus freut und uns in unserer Arbeit bestärkt.
Darüber hinaus erscheint alle zwei Jahre unser selbst herausgegebenes Forschungsmagazin „Laureshamensia“, in der wir die im Freilichtlabor gewonnen Forschungserkenntnisse klassisch publizieren.
Mittelalter Digital: Ist die Neugier auf Alterität und Andersartigkeit etwas, das Ihre Besucher in Lauresham besonders lockt? Gibt es einen Aspekt, für den sich der Großteil der Besucher speziell interessiert?
Claus Kropp: Das Mittelalter übt ja seit jeher eine besondere Ausstrahlung auf die Menschen aus, wobei dies ja auch oft mit einem durch entsprechende Romane und Filme verfälschten Bilds einer primitiven und dunklen Zeit einher geht. Genau dort versuchen wir die Besucher:innen abzuholen und ihnen mit auf den Weg zu geben, dass das Mittelalter alles andere Rückfall in archaische Zeiten gewesen ist.
In Lauresham erfährt man viel über die hohe Effizienz und Kunstfertigkeit der damaligen Handwerker, über angepasstes Wirtschaften in lokalen Kreislaufsystemen und nicht zuletzt auch über Nachhaltigkeit. In vielerlei Hinblick können Besucher:innen in Lauresham mit uns gemeinsam erlegen, wie man aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen kann – zumindest ist das unser selbst gesetzter Anspruch.
Ebenfalls sehr voraussetzungsreich ist der Bereich der Schriftlichkeit, der im Kloster Lorsch natürlich ausgiebig gelebt wurde.
Mittelalter Digital: Möchten Sie uns zum Abschluss einen kleinen Ausblick geben? Was passiert dieses Jahr noch in Lauresham? Und ist bereits etwas für die nächsten Jahre geplant?
Claus Kropp: Der Rest des Jahres ist nun wieder verstärkt geprägt von den landwirtschaftlichen Arbeiten vor Ort; es müssen die Ackerflächen für die Herbstaussaat vorbereitet werden und so langsam werden die Häuser auch auf den bevorstehenden Winter vorbereitet.
Wenn ich an das nächste Jahr denke, so haben wir bereits einige spannende Projekte in Vorbereitung, darunter auch die (Re)konstruktion eines frühmittelalterlichen Einbaums oder auch die Fertigstellung unseres neuen Grubenhauses. Es gibt also auch im kommenden Jahr wieder jede Menge im Freilichtlabor zu erleben: für Groß und Klein, für Fachleute genauso wie Laien.
Mittelalter Digital: Lieber Herr Kropp, ganz herzlichen Dank für die interessanten Einblicke! Wer jetzt Lust bekommen hat, selbst ins Frühmittelalter zu reisen, findet weitere Informationen auf der Webseite des Freilichtlabors Lauresham. Ganz viele tolle Impressionen findet ihr zudem auf dem entsprechenden Instagram-Kanal!
Das Interview führte Tobias Enseleit.