Zurück in die Zukunft: Im Interview mit ›Vanished Kingdoms‹
Tobias Enseleit
Wer schon einmal in einer Burgruine gestanden und die alten Steine betrachtet hat, wird sich zwangsläufig gefragt haben, wie die Burg zu ihrer Blütezeit ausgesehen haben mag und wie es sich in ihr lebte. Vor dem inneren Auge erhalten zerfallene Türme ihre Spitzen zurück, die quadratischen Vertiefungen, die sich noch in den Wänden erkennen lassen, helfen, dem Palas seine imaginierten Zwischendecken zurückzugeben, und auf das einst trutzhafte Torhaus kehren die prächtigen, stolz im Wind wehenden Fahnen des längst vergessenen Burgherrn zurück.
Eine solche Rekonstruktion bedarf viel der Fantasie – und fantastisch bleibt die Vorstellung wohl auch zu einem guten Teil, wenn wir nicht ausgewiesene Kenner oder Kennerin der archäologischen und bauhistorischen Studien über die Anlage sind, in der wir gerade stehen (sofern es solche Studienarbeiten überhaupt gibt).
Schon seit Jahren, insbesondere im Bereich der Videospiele, werden historische Stätten überzeugend nachgestellt, wobei im Einzelfall zu fragen ist, wie quellenbasiert solche Rekonstruktionen tatsächlich vorgenommen wurden. Ein neues Projekt möchte nun den digitalen Raum mit dem analogen verbinden: Wir haben mit Patrick Firganek gesprochen, der in seinem zeitintensiven Hobbyprojekt ›Vanished Kingdoms‹ versucht, Burgruinen möglichst quellennah digital zu rekonstruieren, sodass die Besucher sich durch ihre Smartphone-Kamera die Burg in Ihrem ursprünglichen Zustand anschauen können.
Mittelalter Digital: Lieber Patrick, als jemand, der beinahe jede Burg und Burgruine, an der er vorbeikommt, besuchen muss, war ich natürlich direkt von deiner Projektidee angetan. Wie ist es zu dieser Idee gekommen?
Patrick: Da ich am Fuße der schwäbischen Alb lebe, sind gelegentliche Ausflüge zu unseren Burgruinen mit Freunden und Familie keine Seltenheit. Wenn man dann durch die verbliebenen Grundmauern wandelt und so durch diverse Zimmer geht oder durch Fenster blickt, die noch ansatzweise zu erkennen sind, versuche ich immer, mich in die Lage der damaligen Bewohner hinein zu versetzen. Unter welchen Bedingungen lebten die Menschen hier, welche Berufe übten sie aus, was gab es abends zu essen und wie vertrieben sie sich ihre Freizeit?
Da ich sowohl beruflich als auch privat ein stark ausgeprägtes technisches Interesse habe, einiges an Erfahrung im 3D-Spieldesign sammeln konnte und wir heute in einer Zeit leben, in der die technischen Möglichkeiten zur Verschmelzung von virtueller und realer Welt gegeben sind, bin ich auf die Idee hinter ›Vanished Kingdoms‹ gekommen.
Mittelalter Digital: Aktuell erarbeitest du ja einen ersten Prototypen, um die inhaltlichen und technischen Grundlagen für dich zu erarbeiten. Welche Anlage ist dabei dein „Versuchskaninchen“, wieso hast du gerade diese ausgewählt und mit welchen Schritten bist du ins Projekt gestartet?
Patrick: Die Wahl fiel aufgrund der exponierten Lage, einer kaum vorhandenen nachträglichen Bebauung und den gut erhaltenen Grundmauer-Verläufen auf die wunderschöne Burg Reußenstein. Nicht zuletzt spielt natürlich auch die örtliche Nähe zur Heimat eine Rolle, da ich in regelmäßigen Abständen auch zum Erproben vor Ort sein muss.
Nachdem nun also eine geeignete Burgruine gefunden war, begann die Recherche. Man versucht so viele Informationen wie möglich zu sammeln, damit man sich ein Bild vom damaligen Zustand machen kann. Hier spielen mehrere Faktoren einen entscheidende Rolle:
Die Burgen, die uns erhalten geblieben sind, haben sich im Laufe der letzten Jahrhunderte gewandelt. Sie wurden mehrfach umgebaut, erweitert oder sogar nach einer Zerstörung im neuen Stil aufgebaut. Daher sind die Wahl des Zeitalters und die geografische Lage der Burg für die Rekonstruktion elementar; danach richten sich die Baumaterialien und der Baustil.
Die Gestaltung und Programmierung einer Homepage und eines Social Media Auftritts verleihen dem Projekt dann anschließend auch ein Gesicht. Danach habe ich unzählige Stunden damit verbracht, mithilfe eines Lidar-Scanners die aktuelle Burgruine zu digitalisieren, um darauf die Rekonstruktion maßstabsgetreu durchführen zu können. Da mir eine möglichst realistische und historisch genaue Rekonstruktion sehr wichtig ist, geht die meiste Entwicklungszeit in das Design der Gebäude. Neben der Rekonstruktion, die mich aktuell und bis zum Abschluss der Prototypen-Phase begleitet, ist das App-Design (Benutzeroberfläche und Bedienkonzept) ebenfalls von Bedeutung.
3D Modell der Burgruine Reußenstein
Mittelalter Digital: Als jemand, der insbesondere vom technischen Part kaum eine Ahnung hat, stelle ich mir vor, dass es in deinem Projekt zwei Schwierigkeiten gibt: Zum einen glaube ich, dass sich der inhaltliche Rekonstruktionspart als sehr herausfordernd gestalten kann, abhängig davon, wie gut die Quellenlage ist, einen ursprünglichen Zustand einer Burg nachzuvollziehen. Zum anderen stellt einen vielleicht auch die zu verwendende Technik vor Probleme. Welche inhaltlichen und technischen Hürden gibt es bei deiner Arbeit?
Patrick: Tatsächlich ist die Verfügbarkeit historischer Informationen eine große Hürde, der man nur mit Recherche und Austausch mit Experten begegnen kann. Zudem stelle ich durch den Austausch mit interessierten Leuten mehr und mehr fest, dass über den Globus verteilt vereinzelte Burgen, Schlösser, Städte und Tempel einen ähnlichen Weg einschlagen und über digitale Inhalte versuchen den Besuchern einen Eindruck der ursprünglichen Anlage zu vermitteln. Hier kann ich jedoch Entwarnung geben: Bisher gab es noch kein Projekt, das ein ähnlich gutes Konzept aufweist. ;)
Da ich mit ›Vanished Kingdoms‹ jedem die Möglichkeit geben möchte, selbst auf Erkundungstour zu gehen, wird das Projekt auf möglichst vielen gängigen Endgeräten verfügbar sein. Aus aktuellen Entwicklungserkenntnissen habe ich festgestellt, dass Geräte mit Lidar-Sensorik eine bestmögliche Darstellung ermöglichen. Da die verbaute Lidar-Sensorik jedoch nur eine begrenzte Genauigkeit von wenigen Metern hat, gilt es eine Software-Lösung zu finden, mit der auch Gebäude in größerer Entfernung ordentlich dargestellt werden können.
Um die rekonstruierte Burg möglichst realistisch darzustellen, wird sehr viel Rechenleistung benötigt. Moderne Smartphones werden zwar immer leistungsfähiger, sind aufgrund ihrer kompakten Bauform nicht für aufwändige 3D-Applikationen geeignet. Daher gilt es einen Kompromiss zwischen einer ruckelfreien, aber auch realistischen Darstellung zu finden.
Mittelalter Digital: Welchen Stellenwert spielt bei dir die quellengestützte, also soweit möglich authentische Rekonstruktion der Burganlage? Auf welche Quellen kannst du zurückgreifen, gibt es Leerstellen, die du nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllen musst und ist es das Ziel, in der fertigen Ansicht transparent zu machen, welcher Part auf welcher Grundlage rekonstruiert wurde?
Patrick: Das primäre Ziel ist es, die Rekonstruktionen möglichst nah am ursprünglichen Zustand durchzuführen. Dafür braucht es möglichst genaue Aufzeichnungen der ursprünglichen Burganlage. In einer idealen Welt gibt es eine zentrale Online-Datenbank, aus der man sich sämtliche Unterlagen raussuchen kann. Leider ist es in der Realität etwas komplizierter:
Ich spreche mit den aktuellen Burgbesitzern – die Anlagen befinden sich teils in Privatbesitz, teils im Besitz der Gemeinden, Landkreise oder dem Staat –, aber auch mit diversen Institutionen wie zum Beispiel dem Landesamt für Denkmalpflege, dem Landesarchiv oder auch dem Kreisarchiv. Zudem beschäftigen sich auch Privatpersonen mit den Burgen und veröffentlichen ihre Ergebnisse in Literatur, die online erhältlich ist.
In Summe gibt es somit einige Quellen, wenn jedoch keine Informationen gefunden werden können, kommt meine eigene Kreativität zum Einsatz. Diese Rekonstruktionen werden dann in der App mit einem Hinweis versehen, damit man Fakten von Fiktion unterscheiden kann.
Literatur als Quelle zur Rekonstruktion
Mittelalter Digital: Den technischen Aspekt haben wir ja bereits angerissen: Kannst du uns ein bisschen darüber erzählen, auf welchem Tech Stack du arbeitest und aus welchen Gründen du diesen ausgewählt hast?
Patrick: Die Rekonstruktion der Gebäude findet in Blender statt, die Engine, die unter anderem für die physikalische Vorgänge, die Anzeige der Gebäude, die Oberfläche uvm. verantwortlich ist, ist Unity und die Augmented-Reality Integration passiert mithilfe der ARFoundation. Da ich bereits mit diesen Tools aus vorherigen SW-Projekten vertraut bin und sie für den privaten Gebrauch kostenlos sind, fiel die Wahl auf die genannten Tools.
Rekonstruiertes Wohnhaus
Mittelalter Digital: Aufwendige Projekte profitieren stets von Unterstützung: Was würde dir aktuell bei deiner Arbeit helfen, das Projekt gut voranzubringen?
Patrick: Da ich selbst kein Historiker bin, bin ich für die Rekonstruktion auf Informationen aus dem Internet, Literatur und Austausch mit Experten angewiesen. Hierbei ist jeder Kontakt hilfreich, aber auch jede Quelle, die für die Rekonstruktion im Allgemeinen und speziell für den Reußenstein genutzt werden kann.
Mittelalter Digital: Jetzt haben wir ganz viel über die erste und aktuelle Phase deines Projekts gesprochen. Kannst du uns einen Ausblick geben, wie es weitergeht? Welche Vision verfolgst du mit ›Vanished Kingdoms‹, was wäre dein Wunsch im Hinblick auf das fertige Projekt?
Patrick: Nachdem die Machbarkeit auf dem Reußenstein nachgewiesen wurde, wäre der nächste Schritt eine Entwicklungsmannschaft zusammenzustellen, um ›Vanished Kingdoms‹ mit mehr Funktionen und auf mehreren Burgen anbieten zu können. Mit der neu gewonnenen Expertise können wir parallel an den nächsten Burgen arbeiten, mehr historische Forschung betreiben und ein ganzheitliches Produkt anbieten.
Mit dem Smartphone kann zwar ein kleiner Ausschnitt der Burg visualisiert werden, aber um sich komplett in die Vergangenheit versetzen zu können, bedarf es mehr Immersion.
Meine Vision ist daher, dass Besucher vor Ort eine Führung buchen können, ähnlich wie es heute bereits möglich ist, allerdings mit einer VR-Brille. Dabei könnte man zwischen diversen Szenarien wählen; möchte ich mir von einer Magd erklären lassen, welche Berufe zu jener Zeit ausgeübt wurden oder möchte ich Zeuge sein, wenn die Burg von gegnerischen Truppen belagert wird? Für die Führungen gibt es bereits zahlreiche Ideen und der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.
Mittelalter Digital: Lieber Patrick, herzlichen Dank für die Einblicke in dein Projekte und deine Arbeit!
Wer sich näher über das Projekt informieren möchte, findet Gelegenheit dazu auf der Webseite und dem Instagram-Kanal von ›Vanished Kingdoms‹.
Das Interview führte Tobias Enseleit.