Wieso die Sonderausstellung ›Die Normannen‹ ein Muss für jeden Wikingerfan ist
Tobias Enseleit
Wikinger- und Normannenfans sollten jetzt ihre Segel setzen und nach Mannheim reisen – denn dort ist in den Reiss-Engelhorn-Museen seit dem 18.09.2022 die Sonderausstellung ›Die Normannen‹ zu sehen. In einem weiten kulturgeschichtlichen Ausschnitt widmet sich die Ausstellung der wechselvollen Geschichte der Nordmänner und -frauen und zeichnet ihren Weg von plündernden Seefahrern zu christlichen Herrschern nach, die ihren Weg schließlich bis nach Süditalien und ins Heilige Land gefunden haben.
Die Normannen laden im Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen zum Besuch ein.
Die Wikinger haben sich spätestens mit der Serie ›Vikings‹ fest in der populärkulturellen Rezeption des Mittelalters verankert und dort viele Felder besetzen können – vom LARP (Live Action Role Play) bis zum Videospiel. So verwundert es nicht, dass sich auch ein renommiertes Museum dem Thema nähert. Doch – und dies überrascht vielleicht – die Ausstellung ›Die Normannen‹ nimmt sich der modernen Inszenierung von Wikingern und Normannen nicht an und verzichtet auf den Schulterschluss mit den Vorstellungswelten, die Besucherinnen und Besucher womöglich mit in die Ausstellung bringen.
Normannische Herrscher finden ihren Weg aus einer mittelalterlichen Handschrift zwischen ihre steinerne Artgenossen.
Eine kluge Entscheidung, finden wir, denn so liegt der inhaltliche Fokus komplett auf der Geschichte, welche die Normannen zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert im gesamten europäischen Raum (und darüber hinaus) mitgeprägt haben. Dabei geht die Ausstellung sowohl chronologisch als auch räumlich vor:
Die Ausstellungsräume widmen sich jeweils einem inhaltlichen Schwerpunkt und inszenieren anschaulich die Exponate.
Von heidnischen Häuptlingen zu christlichen Königen
Die Ausstellung beginnt bei den paganen Skandinaviern, die einerseits brandschatzend West- und Osteuropa (im Osten liegt mit der Kiewer Rus ein erster Schwerpunkt der Ausstellung) in Angst und Schrecken versetzt, andererseits aber auch weitläufige Handelsnetzwerke etabliert haben, und endet im Mittelmeerraum, als Ende des 12. Jahrhunderts das normannische Königtum in Sizilien im römisch-deutschen Kaisertum aufgeht.
Besonders hervorzuheben sind zwei Dinge: Zum einen die Vielzahl an hochkarätigen Exponaten (die wir persönlich zum Teil nur als Digitalisat kannten und mitunter sogar in unserer Themenreihe ›Wikinger und Normannen‹ vorgestellt haben). Diese Überlieferungsträger, wie z. B. die sog. Genealogical Roll, welche die Herzöge der Normandie darstellt, einmal in „echt“ zu sehen, war ein wirkliches Highlight.
Zum anderen sind die einzelnen Themen – die Entstehung der Normandie durch den Wikingerfürsten Rollo, das „Normannischwerden“ Englands im Jahr 1066 oder das Wirken der Normannen im Mittelmeerraum – äußerst ansprechend inszeniert, sodass die Ausstellungsstücke noch mal eine ganz andere Wirkung entfalten.
Gelungene Gratwanderung
Die komplexe Geschichte der Normannen konzise darzustellen, stellt eine große Herausforderung dar, die in der Ausstellung aufgrund des Zuschnitts auf durchaus „moderne“ Fragestellungen wie etwa Interkulturalität oder Globalität überzeugend gemeistert wird.
Dabei gelingt es der Ausstellung, die Darstellung mittelalterlicher Geschichte nicht überzustrapazieren. Stets werden die Normannen und ihre Taten aus dem Kontext und dem Horizont ihrer Zeit heraus erklärt.
Echte Highlights inszenieren die Geschichte der Normannen auf anschauliche Weise.
Mitmachstation, die auch schon für junge Museumsbesucherinnen und -besucher interessant sind, und ein ansprechender Ausstellungskatalog, der die gezeigten Inhalte weiter vertieft, runden die gelungene Ausstellung ab.
Wer sich einmal mit den Wikingern und Normannen hochwertig auseinandersetzen möchte, der sollte die ›Die Normannen‹ in Mannheim besuchen.
Ausstellung ›Die Normannen‹: Im Interview mit Dr. Viola Skiba: Du möchtest mehr über die Ausstellung erfahren? Wir hatten während der Konzeptionsphase mit Dr. Viola Skiba über die Idee, und Umsetzung der Ausstellung sowie ihr Interesse an den Normannen gesprochen, die als Projektleiterin die Ausstellung verantwortet.
Wikinger und Normannen: Eine Einführung: Unheil versprechende Drachenboote, bärtige Mordbuben, metgeschwängerte Nächte, tapfere Schildmaiden, Mord und Todschlag – kein mittelalterliches Themenfeld erfreut sich gesamtgesellschaftlich derzeit so großer Beliebtheit wie die Wikinger und Normannen. Die gesamte Medienlandschaft wird von ihnen heimgesucht: ›The Last Kingdom‹ und ›Vikings‹ fesseln seit Jahren Serienfans, zahlreiche unbekanntere Produktionen überschwemmen in ihrem Fahrwasser die Filmsparte, mit ›Assassin’s Creed: Valhalla‹ steht die Videospiellandschaft in Flammen und in einer regen Reenactment-Community wird das Frühmittelalter wieder zum Leben erweckt. Das Interesse an Wikingern und Normannen und die Beschäftigung mit ihnen ist groß. Wir nähern uns ausgehend vom populärkulturellen Diskurs überblicksartig dem Thema.
Alle Informationen zur Ausstellung findet ihr auf der Webseite der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim.