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Wikinger und Normannen: Eine Einleitung

Unheil versprechende Drachenboote, bärtige Mordbuben, metgeschwängerte Nächte, tapfere Schildmaiden, Mord und Todschlag – kein mittelalterliches Themenfeld erfreut sich gesamtgesellschaftlich derzeit so großer Beliebtheit wie die Wikinger und Normannen. Die gesamte Medienlandschaft wird von ihnen heimgesucht: ›The Last Kingdom‹ und ›Vikings‹ fesseln seit Jahren Serienfans, zahlreiche unbekanntere Produktionen überschwemmen in ihrem Fahrwasser die Filmsparte, mit ›Assassin’s Creed: Valhalla‹ steht brandaktuell die Videospiellandschaft in Flammen und in einer regen Reenactment-Community wird das Frühmittelalter wieder zum Leben erweckt. Das Interesse an Wikingern und Normannen und die Beschäftigung mit ihnen ist groß. Wir nähern uns ausgehend vom populärkulturellen Diskurs überblicksartig dem Thema.¹



Wikinger und Normannen in heutiger Vorstellung

Die eingangs skizzierten Vorstellungen sind breites Allgemeingut. Wir haben im Hinblick auf Wikinger und Normannen (von Wikingern wahrscheinlich noch mehr als von Normannen; zur Definition und Unterscheidung gleich mehr) heute ganz konkrete Vorstellungen von ihrem Aussehen, ihrem Lebensstil, ihrer Kleidung, ihren Waffen, den Gegenständen, die sie hergestellt und verwendet haben. Geflochtene Zöpfe, Undercuts, Tätowierungen im Gesicht und auf dem Körper, Lidschatten und Schulterfelle – selbst das letzte Detail ist uns augenscheinlich.



Doch sind Vorstellungen von Geschichte alles andere als in Stein gemeißelt. Sie spiegeln jeweils aktuelle Fragestellungen, gesellschaftliche Narrative und Moden wider. Sie werden damit von jenen, die sich mit Geschichte auseinandersetzen, immer wieder neu konstruiert. Dabei können ältere Traditionslinien genauso eine Rolle spielen wie neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Einflüsse aus anderen Bereichen.



Dass die ohnehin schwierige Kategorie der „historischen Wirklichkeit“ oder „Wahrheit“ immer wieder neu ausgehandelt wird, lässt sich schnell an den Differenzen in den Geschichtsvorstellungen verschiedener Generationen erkennen. Trugen etwa die raubeinigen, prinzipientreuen Wikinger in ›Prinz Eisenherz‹ (USA 1954; Regie: Henry Hathaway) noch ihre modischen Hörnerhelme und frönten ›Die Wikinger‹ (USA 1958; Regie: Richard Fleischer) mit ihren zotteligen Bärten noch Saufgelagen und Frauenraub, so haben sich die Inszenierungen der letzten Jahrzehnte im selbst postulierten Anspruch, Geschichte authentischer und realistischer darzustellen, von der Theateraufmachung der früheren Jahre weit entfernt.



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Unser Bild von den Wikingern ist im steten Wandel begriffen. Die hörnerhelmtragenden Wikinger aus ›Prinz Eisenherz‹ (Bild 1) entspringen unserem Empfinden nach direkt der Klischeekiste, die tätowierten Gesellen aus ›Vikings‹ (Bild 2) (noch) nicht. Gleichzeitig spielt in der komplexen Gemengelage, in der unsere Geschichtsvorstellungen konstruiert werden, auch der fantastische Bereich eine Rolle. Im Videospiel ›Baldur’s Gate 2‹ etwa (Bild 3), das auf dem Regelwerk von ›Dungeons & Dragons‹ basiert, gibt es als spielbare Charakterklasse den Berserker als Spezialisierung des Barbaren. Dass in diesem Beispiel der Berserker noch ein Zwerg ist und gleichzeitig einen modischen Hörnerhelm trägt, schließt den Rezeptionskreislauf.



Kulminationspunkt dieser facettenreichen Entwicklung, die viele Etappen in allen Bereichen der Medienlandschaft (dazu zählt auch der riesige Fantasybereich) zu passieren hatte, ist die Serie ›Vikings‹ (Kanada / Irland 2013; Idee: Michael Hirst), die seit ihrer Erstausstrahlung im Jahr 2013 wiederum viele nachfolgende Wikingerinszenierungen beeinflusst hat (Wir werden darüber ausführlicher am 6. Dezember in unserem Beitrag über ›Assassin’s Creed: Valhalla‹ sprechen). Solche „Superspreader“, die auch etablierte Darstellungstraditionen durchbrechen können, lassen sich im Großen und Kleinen immer wieder beobachten. Sie entstehen dadurch, dass sie medienübergreifende Darstellungsflüsse kanalisieren, zu etwas überzeugendem Homogenem zusammenführen und dergestalt unter dem Label des Authentischen mit großer Strahlkraft weiterverbreiten.



Aufgrund ihrer großen Rezeption und der aggressiven und überzeugenden Vermarktung, das Dargestellte sei besonders authentisch und auf dem neuesten Stand wissenschaftlicher Erkenntnis, beeinflussen solche Produktionen gesamtgesellschaftlich Vorstellungen von Geschichte und prägen auf diese Weise unsere Geschichtskultur, insbesondere auch deshalb, weil wir gemeinhin möglichst authentischen Darstellungen ein hohes Maß an Qualität zugestehen. Wir möchten wissen, wie es wirklich war, und so sind Produktionen, die ein authentisches Erlebnis versprechen, für uns besonders attraktiv.



Nicht zuletzt deshalb und aufgrund der weit geringeren Strahlkraft wissenschaftlicher Arbeiten, die sperriger, aufwendiger, für viele entweder langweiliger oder aufgrund fachlicher Hürden gar nicht zu rezipieren sind, sind entsprechende populärkulturelle Inszenierungen auch ins akademische Visier von Geschichtsdidaktik, Public History und Fachwissenschaften geraten.



Was dann geschieht, läuft nach dem immer selben Schema ab: Zuerst wird eine groß angekündigte, millionenschwere und als besonders realistisch beworbene Produktion veröffentlicht. Unzählige Menschen rezipieren sie, vornehmlich auch unter der für die qualitative Bewertung wichtigen Frage, wie authentisch, historisch korrekt, triftig (die Synonyme sind Legion) das Gezeigte sei. Einzelaspekte werden kurz darauf in Fanforen, auf YouTube und Reddit rauf- und runterdiskutiert, (vermeintliche) Experten geben ihrerseits ihre Meinung ab, und Monate oder gar Jahre später finden dann fundiertere Einschätzungen Eingang in Fachliteratur – zu einem Zeitpunkt, wo das Besprochene schon längst aus der allgemeinen Wahrnehmung wieder verschwunden oder ersetzt worden ist.



Die Debatte um Authentizität, Echtheit und Realismus wird also vornehmlich in der breiten, schnelllebigen Öffentlichkeit geführt, und das in besonderer Wechselwirkung mit dem Bereich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Geschichte. Insbesondere „authentische“ Produktionen werben damit, dass Fachmänner und -frauen am Entstehungsprozess beteiligt waren. Ihr Einfluss auf das Endprodukt fällt in vielen Einzelfällen aber mehr als marginal aus, wodurch sie eher als Werbeschilder denn als wirkliche Fachberater fungieren.²



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Versprochener (böse Zungen würden sagen: vorgegaukelter) Realismus als vermeintliches Qualitätsmerkmal wie hier beim Videospiel ›Kingdom Come: Deliverance‹ (2018) von Warhorse Studios ist im Marketing keine Seltenheit.



Wissenschaftliche Erkenntnisse fließen in aller Regel dort ein, wo sie bereits vorhandene Erwartungshaltungen und Sehgewohnheiten nicht torpedieren. Und eben jene Erwartungshaltungen und Sehgewohnheiten der (geldgebenden) Rezipienten, die sich wiederum wie dargestellt vornehmlich aus breitenwirksamen Inszenierungen generieren, sind es, denen Produzenten in erster Linie gerecht werden wollen und müssen.



Für die Darstellung des „entzweiten“ Mittelalters³ hat sich etwa das Bild einer düsteren, gewalttätigen, gleichzeitig aber auch heldenhaften Epoche durchgesetzt (das war früher einmal anders) – dort, wo heute keine finsteren Kirchenmänner ihr Unwesen treiben, wo keine Gliedmaßen abgehackt, keine Frauen geschändet und Intrigen gesponnen werden, dort werden Erwartungshaltungen unterlaufen und Rezipienten irritiert. In der Forschung hat sich daher in der Auseinandersetzung mit populärkulturellen Medien der Begriff der Authentizitätsfiktion etabliert (Wer mehr zu dem Thema lesen möchte, darf einen Blick in unseren Artikel zum „mittelalterlichen“ Spielfilm riskieren).



Unsere Geschichtsbilder verdanken sich also vornehmlich ihren populärkulturellen Inszenierungen (und ihrer oft viele Jahrzehnte alten Traditionslinien), weniger dem Schulbetrieb oder dem akademischen Bereich (die jeweils freilich wieder ihren oft nur kleinen Anteil an jenem großen Ganzen haben). Diesen Umstand kann man (muss man aber nicht) bedauern, benennen sollte man ihn aber in jedem Fall. Geschichtliche Themen waren seit je her und sind heute auch immer Projektionsfläche für verschiedene Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse, wodurch sie entsprechend inszeniert werden müssen (Nicolas Huss bespricht das Thema in Kürze unter dem Schlagwort „Medievalism“).



So finden Wikinger und Normannen Eingang in die Kinderunterhaltung, sind Bestandteil seichter Erotikliteratur, gelten als tapfere Verteidiger einer ethnisch reinen Kultur oder stellen die ersten, an fremden Bräuchen interessierten Globalisierer dar. Diese verschiedenen Lesarten ein und desselben Gegenstandes schließen sich strenggenommen in vielen Aspekten gegenseitig aus und verdanken sich unterschiedlichen Bedürfnissen, Geschichte zu verstehen, zu adaptieren und zu präsentieren.



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Nicht erst heutzutage werden Aspekte der Wikinger in mehr als grenzwertigen Niederungen verwendet, sei es – in historischer Perspektive – im Nationalsozialismus (Bild 1 zeigt die auf Grundlage des Runenalphabets entstandene Doppelsig-Rune der Schutzstaffel, die in rechten Kreisen heute noch Symbolwert besitzt) oder heute in der Meme-Kultur des Internets. Bezeichnender Weise müssen dafür ungefragt auch bekannte Gesichter aus populärkulturellen Inszenierungen herhalten, wie etwa der Schauspieler Clive Standen (Bild 3), der den Wikinger Rollo in der Serie ›Vikings‹ spielt.



In Mainstream-Produktionen möchten wir Protagonisten, mit denen wir uns identifizieren können (daher werden sie meist von attraktiven Menschen mit gesunden Zähnen gespielt, daher ist auch das Mittelalter heute voller starker, emanzipierter Frauen), Themen behandelt sehen, die uns auch in der Alltagswirklichkeit umtreiben (daher die große Beschäftigung mit Freiheit auch in Mittelalterproduktionen), oder Bösewichte, die uns erschaudern lassen (in unserer säkularen Gesellschaft nicht selten verkörpert von folterwütigen und geldgierigen Vertretern der Institution Kirche).



All diesen Vorgaben sind entsprechend auch jene Produktionen unterworfen, die sich möglichst authentisch und realistisch geben. Ihrem Anspruch, historische Wirklichkeit darzustellen, kann man nicht zuletzt deshalb nur mit Skepsis begegnen. „Problematisch“ sind solche Produktionen einerseits auch deshalb, weil sie selbst nicht transparent machen, worin sich ihr Anspruch begründen soll (etwa indem aufgezeigt wird, welche Quellen und Sekundärliteratur rezipiert und auf welche Weise diese adaptiert wurden), und andererseits, weil sie – anders als etwa Parodien – die Grenzen zwischen Fiktion und Fakten (sofern es sie überhaupt gibt) verschwinden lassen.



Es sollte daher bei einer sinnvollen wissenschaftlichen Auseinandersetzung nicht darum gehen, aufzuzeigen, was an einer Produktion nun realistisch ist und was nicht (hier verstrickt man sich ohnehin nur in Grabenkämpfen), sondern vielmehr um die Frage, auf welche Weise und mit welchen Mitteln uns eine Produktion überzeugt, authentisch und realistisch zu sein. Das mag auf den ersten Blick wie methodische Haarspalterei wirken, entbindet aber davon, Inszenierungen unter diesem Gesichtspunkt als falsch oder richtig und damit als schlecht oder gut zu bewerten und sensibilisiert weit stärker für die Rezeptions- und Adaptionsmechanismen, denen unser geschichtskultureller Betrieb auf verschiedenen Ebenen unterworfen ist.



Wer waren die Wikinger und Normannen?

Nachdem wir nun gesehen haben, dass unsere Wikinger im Grunde genommen heute genauso konstruiert und damit so realistisch bzw. unrealistisch sind wie die hörnerhelmtragenden Wikinger unserer Großelterngeneration, zeichnen wir – im gebotenen Rahmen – nach, was wir aus fachwissenschaftlicher Sicht über Wikinger und Normannen aussagen können.



Wir haben nun bereits in aller Ausführlichkeit und mit aller Selbstverständlichkeit die Begriffe „Wikinger“ und „Normannen“ verwendet. Tatsächlich birgt aber bereits ihre Verwendung aus zwei Gründen die ersten Schwierigkeiten. Wieso? Erstens war die Kultur der Wikinger in ihrer Frühzeit (dazu gleich mehr) nahezu schriftlos. Historiographische Werke aus jener Zeit existieren von ihnen nicht; wohl aber von christlichen Autoren aus den umliegenden Reichen, die über die Wikinger geschrieben haben.



Damit können wir abseits von archäologischen Quellen und einigen Runenschriftstücken die „frühen“ Wikinger vornehmlich nur „von außen“ betrachten, aus der Warte von Männern, die in Gemeinschaften lebten, die eine andere Kultur, Sprache und Religion als die Wikinger hatten, über keine oder nur geringe Einblicke in deren Alltagsleben verfügten und zu allem Überfluss von diesen noch überfallen wurden. Viele Informationen insbesondere aus dem Kultur-, Kult- und Alltagsleben der Wikinger entstammen späteren skandinavischen Quellen wie z.B. den sog. Sagas. Die Beschäftigung mit ihnen ist aufgrund ihrer zeitlichen Entfernung und ihrer literarischen Form mit methodischen Schwierigkeiten verbunden, insbesondere dann, wenn man aus ihnen belastbare Anhaltspunkte gewinnen möchte, wie das Leben der Wikinger vorher ausgesehen haben mag.



Ein Zweites kommt hinzu: Obwohl heute selbstverständlich in Gebrauch, wird der Begriff „Wikinger“ in Quellen im Vergleich sehr selten verwendet. Im Letzten ist nicht einmal geklärt, was der Begriff etymologisch genau bedeutet, wobei er gemeinhin mit „Seeräuber“ übersetzt wird (Suzana Stankovitsová beschäftigt sich in ihrem Beitrag ausführlicher mit dem Begriff „Wikinger“). Die allermeisten lateinischen Quellen sprechen stattdessen von „Normannen“ oder bezeichnen die Männer, die aus Skandinavien kamen, um zu brandschatzen, zu plündern und später eigene Herrschaften zu errichten, zusammenfassend als Dänen, Heiden oder Piraten (während östliche Quellen den Begriff Rus‘ verwenden).



Quellennäher wäre es demnach, nicht von Wikingern, sondern von Normannen zu sprechen. Stattdessen hat sich heute eingebürgert, mit Normannen vornehmlich jene Nachfahren skandinavischer Einwanderer zu bezeichnen, die sich erst in der Normandie (denen sie ihren Namen verdankt) und in der Folge in vielen Regionen Europas niedergelassen und sich dabei gleichzeitig den hiesigen kulturellen Gegebenheiten angepasst haben – indem sie etwa die vorherrschende Sprache oder den christlichen Glauben annahmen.



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Wikinger und Normannen sind in der Welt weit herumgekommen: Die violetten Bereiche zeigen die ursprünglichen Siedlungsbereiche, die blauen die späteren Landnahmen.



Mit den Begriffen „Wikinger“ und „Normannen“ werden heute also Bevölkerungsgruppen benannt, die – vereinfacht gesprochen – zwar eine gemeinsame Vergangenheit und Herkunft teilen, chronologisch aber aufeinander folgen und kulturell, sprachlich und religiös unterschiedlich situiert sind: Dort die heidnischen Skandinavier, die seit Ende des 8. Jahrhunderts die umliegenden Reiche heimgesucht haben, hier deren Nachfahren, die außerhalb von Skandinavien eigene Herrschaften erstritten und dabei eine tiefgreifende kulturelle Veränderung erfahren haben. Während die Wikinger heute grundlegend noch stark barbarische Aspekte aufweisen, stellen die Normannen die höfischen Ritter par excellence dar (auch wenn sie ungeachtet dessen in der Populärkultur auch wieder hervorragende Bösewichte abgeben können).



Wikinger und Normannen sind also für uns gut handhabbare Sammelbezeichnungen, die dabei helfen, die facettenreiche und lange Geschichte der Männer und Frauen aus dem Norden zu vereinfachen und so zu bewältigen. Tatsächlich lässt sich in manchen Quellen ein „normannisches Zusammengehörigkeitsgefühl“ erahnen. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass Wikinger und Normannen als ein homogener, blutsverwandter „Volkskörper“ angesehen werden dürfen. Vielmehr handelte sich um Personenverbände, die zwar durch die Klammer einer gemeinsamen Sprache, Kultur und Religion zusammengehalten wurden, dabei aber auch immer offen waren, Fremdes und Nützliches zu inkorporieren. Nicht zuletzt deshalb verwundert es auch nicht, dass in zahlreichen Fällen Wikinger gegen Wikinger und Normannen gegen Normannen gekämpft haben.



Das Zeitalter der Wikinger

Die Wikingerzeit lässt man gemeinhin mit dem Jahr 793 n. Chr. beginnen. Zwar gab es bereits in den Jahren zuvor vereinzelte Überfälle von Skandinaviern, aber der Angriff auf das berühmte Kloster Lindisfarne in diesem Jahr stellt nicht nur in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung ein einschneidendes Ereignis dar, sondern bildet auch den Auftakt für eine bisher nie dagewesene Reihe von immer regelmäßiger durchgeführten Übergriffen, die sich in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten zu regelrechten Invasionen ausdehnten, von denen besonders die englische Insel sowie die fränkischen Reiche betroffen sein sollten.



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Mit dem Tod Haralds des Harten und der Vernichtung seiner norwegischen Armee endet 1066 das Zeitalter der Wikinger. Die Darstellung aus dem 13. Jahrhundert zeigt die Kombattanten als hochmittelalterliche Ritter.



Blutiger Endpunkt der Wikingerzeit einerseits und gleichzeitig triumphaler Auftakt der normannischen Erfolgsgeschichte ist das Jahr 1066. In diesem Jahr fanden auf englischem Boden in kurzer Abfolge zwei Geschichte schreibende Schlachten statt: bei Stamford Bridge und bei Hastings. In beiden versuchte der angelsächsische Herrscher Harald II. Godwinson sein Königreich gegen Invasoren zu verteidigen. Bei Stamford Bridge, wenige Kilometer östlich der Stadt York in Nordengland, gelang ihm dies noch gegen den norwegischen König Harald den Harten, der mit seinen Kriegern von den Angelsachsen überrascht wurde. Die vernichtende Niederlage der Norweger beendete die von Skandinavien, wo sich in der Zwischenzeit selbst größere Herrschaftsverbände ausgebildet hatten, ausgehenden Invasionsambitionen.



Lediglich knapp drei Wochen später wurde das geschwächte Heer Haralds von den Kriegern des normannischen Herzogs Wilhelm bei Hastings vernichtet. Harald Godwinson fand den Schlachtentod, während Wilhelm als Eroberer weiter nach London zog und sich die Königskrone aufsetzte. Ein einschneidendes und weitreichendes Ereignis für die englische Geschichte, während sich zur selben Zeit bereits ursprünglich aus der Normandie stammende Normannen in Süditalien etablierten und bis ins Heilige Land zogen. Während also das Zeitalter der Wikinger sein Ende fand, stand jenes der Normannen erst an seinem Anfang.



Aufbruch in die Welt – die Wikingerschiffe

Die Gründe, aus welchen Skandinavier am Ende des 8. Jahrhunderts ihre Heimat verließen, um in umliegenden Ländern für Furore zu sorgen, sind bis heute nicht restlos geklärt. Zogen sie los aufgrund von Überbevölkerung und Versorgungsengpässen? Spielten Fehden auf Leben und Tod oder Verbannungen eine Rolle? Waren Abenteuerlust, Ruhmsucht und Beutegier die Auslöser? Waren die Plünderfahrten gleichzeitig Initiationsriten junger Männer? Wahrscheinlich spielten alle Gründe im langen Zeitalter der Wikingerraubfahrten mal mehr, mal weniger eine Rolle. Als gesichert kann gelten: Die Wikinger zogen in die Fremde, weil sie es konnten.



Ob es sich bei den Seereisen aber nun um militärische Expeditionen oder Handelsreisen, Entdeckungsfahrten oder Kolonisationsunternehmen handelte, das Schiff war für alle wikingerzeitlichen Aktivitäten unabdingbar und kann zweifellos als eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für die skandinavische Expansion der Wikingerzeit gewertet werden. – Simek, Die Wikinger, S. 38.



Ausschlaggebend dafür, dass sie große Entfernungen überhaupt überbrücken konnten, waren ihre Boote und Schiffe, für die sie bis heute berühmt sind. Erst die Entwicklung (hoch)seetüchtiger und schneller Segelschiffe ermöglichte es, Menschen und Material sicher und zielgerichtet zu transportieren. Segel wurden in Skandinavien irgendwann zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert eingeführt und zeitigten Geschwindigkeiten, die selbst deutlich über der Reisegeschwindigkeit motorisierter Schiffe zu Beginn des 20. Jahrhunderts lagen. Auf diese Weise dauerten selbst lange Reisen nur wenige Tage – von Norwegen bis Island, immerhin eine Strecke von 1.300 Kilometern, veranschlagte man sieben Tage.⁴



Verschiedene Schiffstypen für unterschiedliche Verwendungszwecke konnten anhand archäologischer Funde rekonstruiert werden, wobei die Erfindung bestimmter Navigationsgegenstände (wie etwa der Sonnenstein) für eine erfolgreiche Navigation auf See weniger ausschlaggebend waren als die Erfahrungswerte in der küstennahen Seefahrt.



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Heutzutage hat man einige Wikingerschiffe wie das sog. Oseberg-Schiff, ein Prunkschiff aus Norwegen aus dem 9. Jahrhundert, gefunden und mitunter nachgebaut.



Gesteuert wurden die Schiffe mit einem achtern an der Steuerbordseite befestigten Ruder, während die Kriegsschiffe über die ganze Länge hinweg auf beiden Seiten Ruderlöcher aufwiesen, die dann genutzt wurden, wenn Mast und Segel, wie etwa in einem Gefecht, nicht eingesetzt werden konnten. Die flachkielige Konstruktion der Schiffe, die dadurch über kaum Tiefgang verfügten, erlaubte das Anliegen auf flachen Stränden und den Transport über Land mithilfe von Rollen. Die Schiffe der Wikinger boten auf diese Weise eine hohe Flexibilität, insbesondere bei militärischen Manövern.



Die Annalen von St. Bertin berichten etwa für das Jahr 837 anschaulich davon, wie Wikinger blitzschnell Ortschaften überfallen und plündern und sich beim ersten Anzeichen von Ärger wieder zurückziehen:



Ea tempestate Nordmanni inruptione solita Frisiam inruentes, in insula quae Vualacra dicitur nostros imparatos adgressi, multos trucidaverunt, plures depraedati sunt. Et aliquamdiu inibi commorantes, censu prout libuit exacto, ad Dorestadum eadem furia pervenerunt, tributa similiter exegerunt. Quibus imperator auditis, pretermisso memorato itinere, ad Noviomagum castrum vicinum Dorestado properare non distulit. Cuius adventu Nordmanni audito, continuo recesserunt. – Annales de Saint-Bertin, hrsg. von Felix Grat / Jeanne Vielliard / Suzanne Clémencet, Paris 1964, S. 21.



Die Nordmänner fielen zu seiner Zeit mit ihrem üblichen Überraschungsangriff in Friesland ein. Als sie auf einer Insel namens Walcheren über unser unvorbereitetes Volk herfielen, schlachteten sie viele ab und plünderten noch mehr. Sie blieben eine Zeit lang auf der Insel und erhoben so viel Tribut, wie sie wollten. Dann fielen sie mit derselben Wut über Dorestad her und forderten auf dieselbe Weise Tribut. Als der Kaiser von diesen Angriffen erfuhr, verschob er seine geplante Reise nach Rom und eilte unverzüglich zum Fort Nimwegen in der Nähe von Dorestad. Als die Nordmänner von seiner Ankunft dort erfuhren, zogen sie sich sofort zurück.



Doch die Wikingerschiffe waren nicht nur bloße Kriegs- und Transportfahrzeuge; ihr Einsatz spielte für die Kultur der Wikinger eine entscheidende Rolle. Aufwendig gestaltet und verziert, waren an den Stevenenden Drachenhäupter genauso verbreitet wie jene anderer (mythologischer) Kreaturen, denen die Schiffe – jedenfalls nach Ausweis der Skaldendichtung – ihren Namen verdanken konnten, wie z. B. ulfr elfar (Wolf der Flüsse) oder Ormr inn langi (Lange Schlange).⁵



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Eindrucksvolles Zeugnis für die Sachkultur des 11. Jahrhunderts ist der berühmte Teppich von Bayeux, der die Geschichte der normannischen Eroberung Englands aus Sicht der Sieger zeigt. Auch die Schiffe der Normannen, mit denen sie von der Normandie aus über den Ärmelkanal nach Südengland übergesetzt sind, verfügten nach Ausweis des Teppichs über gestaltete Häupter.



Die Schiffe der Wikinger bildeten als technische High-End-Produkte die Grundvoraussetzung für ihre Expansion. Ihre Schnelligkeit und Flexibilität ermöglichten es den Wikingern, selbst entlegene Orte zu erreichen, andere Bevölkerungsgruppen überraschend zu überfallen und Vergeltungsmaßnahmen ausweichen zu können.



Von Räubern zu Eroberern

Der Zeitraum, den wir heute als Wikingerzeit bezeichnen, lässt sich grundlegend in drei Phasen einteilen, die sich zeitlich oder regional durchaus überlagern konnten:



a) Saisonale Raubzüge: Spätestens nach dem Überfall auf das Kloster Lindisfarne setzte im Rhythmus der Jahreszeiten eine Welle regelmäßig stattfindender Plünderfahrten ein, zuerst in England, mit etwas Verspätung ab 834/35 auch vermehrt im Frankenreich. Die Raubzüge waren so erfolgreich, da es keine organisierte Zentralgewalt gab, die eine koordinierte Verteidigung hätte organisieren können. Das Überraschungsmoment, die Schnelligkeit der Wikinger und die relative Hilflosigkeit der lokalen Herrscher taten ihr Übriges.



b) Überwinterungen: Immer wieder waren auf Inseln gelegene Stätten wie Lindisfarne oder die Handelsstadt Dorestadt Ziel von Wikingerangriffen. Wikinger nutzten Inseln aber auch regelmäßig als Stützpunkte. Diese waren einerseits für sie gut zu erreichen und boten ausreichend Schutz vor Feinden sowie die Möglichkeit zur Flucht, andererseits ließen sich auf diese Weise Flüsse und Wasserstraßen – die wichtigsten Handels- und Kommunikationswege der Zeit – beherrschen. Nach und nach etablierten sich gestützte Standorte, die auch in den Wintermonaten nicht aufgegeben wurden.



In Frankreich und England markieren die Überwinterungen den allmählichen Übergang von den Plünderfahrten zum Eroberungskrieg, und vom Eroberungskrieg zu permanenter Siedlung. Aus diesen Eroberungszügen gingen insgesamt drei skandinavische Reiche hervor: das irische um Dublin, das englische Danelag, und, am erfolgreichsten und dauerhaftesten, das normannische Herzogtum Normandie. – Simek, Die Wikinger, S. 52.



c) Landnahmen: Eben diese Landnahmen läuteten einen neuen Abschnitt im Zeitalter der Wikinger ein. Aus den Räubern, die in den schönen Monaten des Jahres auftauchten und zügig wieder verschwanden, wurde für die einheimischen Mächte nun eine Macht, die nicht länger nur lästig war, sondern zur existentiellen Bedrohung avancierte. Besonders merkten dies die englischen Inseln, von den Orkneys und Shetlands, bis nach Schottland, Irland und zu den angelsächsischen Reichen Nord-, Mittel- und Südenglands. Die Land(über)nahme der Wikinger hat dort bis heute Einfluss auf Ortsnamen und das Erbgut der Bevölkerung.



In England begannen die Überwinterungen zwischen den Jahren 850 und 865, die schließlich im großen heidnischen Heer mündeten. Bereits 866 wurde York in Northumbria von Wikingern erobert, 872 bis 874 das Königreich Mercia. Einzig das Königreich Wessex unter seinem König Alfred konnte erfolgreich Widerstand leisten, sodass sich im Jahr 886 Alfred von Wessex und die Skandinavier darauf einigten, das Land unter sich aufzuteilen, in einen südwestlichen angelsächsischen und einen nordöstlichen skandinavischen Teil, das sog. Danelag („dänisches Recht“). Versuche der Wikinger, tiefer in West- und Südengland Fuß zu fassen, wurden von Alfred zerschlagen, der bei seinem Tod 899 geschafft hatte, die skandinavische Expansion zum Erliegen zu bringen. Populärkulturelle Inszenierungen der Wikingerzeit spielen aktuell vornehmlich in diesem Zeitraum der geographischen und kulturellen Umwälzung.



Mit dem 10. Jahrhundert begann dann unter Alfreds Sohn Edward die Rückeroberung des Danelags, der 920 als König von Northumbria anerkannt wurde. Auch wenn es immer wieder zu politischen Veränderungen kam, mehrten sich die Überfälle von Wikingern erst wieder ab 980. Die Angelsachsen sahen sich gezwungen, einen temporären Frieden mit immer horrenderen Geldsummen zu bezahlen (dem „Danegeld“), bis der Däne Sven Gabelbart, der übrigens Christ war, mehrere Invasionen nach England führte. Sie endeten mit der Vertreibung des amtierenden Königs Æthelred und der Krönung Svens 1013, der damit bis zu seinem zeitnahen Tod im Februar 1014 König von England war.



Noch erfolgreicher sollte in der Folge sein Sohn Knut sein, der die Eroberung Englands abschloss, nach dem Tod seines Bruders König von Dänemark und schließlich auch von Norwegen wird. Als weitsichtiger Staatsmann, Förderer der Kirche und dreifacher König darf er wohl als mächtigster Wikinger aller Zeiten gelten. Doch sein Vermächtnis währte nicht lange. Nachdem seine drei Söhne gestorben waren, wurde mit Eduard dem Bekenner nochmals ein Angelsachse zum König Englands ausgerufen, dessen Tod das Schicksalsjahr 1066 für die englische, französische wie skandinavische Geschichte einläuten sollte.



Auch das Frankenreich geriet seit dem ausgehenden 8. Jahrhundert immer wieder ins Visier der Wikinger. Hier machten sich die Nordmänner insbesondere das Machtvakuum zu Nutze, das nach dem Tod Karls des Großen 814, spätestens mit der Absetzung Ludwigs des Frommen 833 zu spüren war, sodass ab 841 sowohl auf der Seine als auch auf der Loire Wikingerflotten ihr Unwesen trieben. 845 plünderten Wikinger zum ersten Mal Paris. Die Raubzüge rissen in den folgenden Jahrzehnten nicht ab, wobei es den Franken immer besser gelang, die Verteidigung ihrer Länder zu organisieren, bis sie zu Beginn des 10. Jahrhunderts auf die folgenschwere Idee kamen, Wikingern Land zur Ansiedlung anzubieten unter der Auflage, eben jenes Land und damit alle dahinter liegenden Länder gegen andere Wikinger zu verteidigen.



Im Jahr 911 schloss der Frankenherrscher Karl der Einfältige mit dem Wikinger (wahrscheinlich Dänen) Rollo den Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte.⁶ Rollo ließ sich taufen, nannte sich Robert und erhielt ein Gebiet am Unterlauf der Seine als Lehen, das er und seine Nachfolger zum Herzogtum Normandie formen sollten – von wo aus die Normannen gut 150 Jahre später England erobern sollten.⁷



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Rollo ist zuletzt durch ›Vikings‹ einem breiten Publikum bekannt geworden. Auch in der Serie wird er getauft und nähert sich den Franken an, deren Befehlshaber er schließlich wird. Dass er zuvor seine eigenen Wikingerkrieger verraten hat und umbringen ließ, hätte sich der „historische“ Rollo indes nicht erlauben dürfen. Ohne die militärische Stärke seines Klientelverbandes hätten die Franken weder Angst vor ihm noch Verwendung für ihn gehabt – ein schönes Beispiel dafür, dass selbst vermeintlich „authentische“ Serien mittelalterliche Herrschaft auf völlig falsche Weise inszenieren können.



Wie selbstbewusst die normannischen Herzöge ihre eigene Geschichte formten, zeigt eine – mit Sicherheit nie so stattgefundene – Szene aus der Normannengeschichte des Dudo von St. Quentin, der im 11. Jahrhundert als Hofchronist tätig war und den Vertragsabschluss zwischen Rollo, der bei ihm bereits anachronistisch den Herzogtitel führt, und den Franken so schildert:



Statim Francorum coactus verbis, manus suas misit inter manus regis, quod nunquam pater eius, et avus, atque proavus cuiquam fecit. Dedit itaque rex filiam suam, Gislam nomine, uxorem illi duci, terramque determinatam in alodo et in fundo, a flumine Eptae usque ad mare, totamque Britanniam de qua posset vivere. Rolloni pedem regis nolenti osculari dixerunt episcopi: Qui tale donum recipit, osculo debet expetere pedem regis. Et ille: Nunquam curvabo genua mea alicusus genibus, nec osculabor cuiuspiam pedem. Francorum igitur precibus compulsus, iussit cuidam militi pedem regis osculari. Qui statim pedem regis arripiens, deportavit ad os suum, standoque defixit osculum, regemque fecit resupinum. Itaque magnus excitatur risus magnusque in plebe tumultus. – Dudo von St. Quentin, De Moribus et Actis primorum Normanniae Ducum, hrsg. von Jules Lair, Caen 1865, S. 169.



Von den Worten der Franken angespornt, legte er sofort seine Hände zwischen die Hände des Königs, was weder sein Vater, noch sein Großvater, noch sein Urgroßvater für einen Menschen getan hatten. Daraufhin gab der König seiner Tochter Gisla zur Frau desselben Herzogs, und er gab das bestimmte Gebiet vom Fluss Epte bis zum Meer als Allod und Besitz, und dazu die ganze Bretagne. Rollo war nicht bereit, dem König den Fuß zu küssen, und die Bischöfe sagten: – Wer ein solches Geschenk annimmt, sollte so weit gehen, dem König den Fuß zu küssen. Und er antwortete: – Ich werde niemals meine Knie vor irgendeinem Mann beugen, und ich werde niemals den Fuß eines Mannes küssen. Und so befahl er, angespornt durch die Gebete der Franken, einem seiner Krieger, den Fuß des Königs zu küssen. Und der Mann ergriff sofort den Fuß des Königs, hob ihn zum Mund und pflanzte einen Kuss darauf, während er stehen blieb, und warf den König so flach auf den Rücken. Da erhob sich großes Gelächter und ein großer Aufschrei im Volk.



Wenn wir uns hierzulande mit Wikingern und Normannen beschäftigen, haben wir insbesondere ihre Raubzüge und Invasionen in England und im Frankenreich vor Auge. Gleichwohl gehört es mittlerweile zur Allgemeinbildung zu wissen, dass nicht Christoph Kolumbus der erste war, der Amerika entdeckte – sondern bereits 500 Jahre vor ihm ein Wikinger mit Namen Leif Eriksson. Über seine Entdeckungsreisen wissen wir wenig genug. Aber über Island und Grönland ist er – so viel gilt heute als gesichert – bis nach Vinland (Weinland) gereist und hat dort einige Zeit verbracht.



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Leif Eriksson entdeckt Amerika – Gemälde des norwegischen Malers Christian Krogh aus dem Jahr 1893.



Zu festen Landnahmen haben die Reisen jedoch nicht geführt, zumal Nachahmerfahrten am Widerstand der indigen indianischen Bevölkerung gescheitert sind. So gut wie alles, was in den letzten Jahrzehnten an vermeintlichen Artefakten der Wikingerfahrten in Amerika aufgetaucht ist, hat sich als Fälschung entpuppt – ein Ausweis immerhin dafür, dass die Abenteuerfahrten bis heute faszinieren und kulturell vereinnahmt werden.



Spätestens seit der letzten Staffel von ›Vikings‹ sind auch die Reisen und Tätigkeiten von Skandinaviern (vornehmlich von Schweden) in den Osten in die allgemeine Wahrnehmung getreten. Hier scheinen sie eher in ihrer Rolle als Händler aufgetreten zu sein, waren Reichsgründer und dienten unter der Bezeichnung Waräger als Palastgarde des byzantinischen Kaisers bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahr 1204. Wohl berühmtestes Mitglied der Waräger-Garde war jener „harte“ Harald, der dort in seinem Exil diente, bis er sich den Königstitel zurück erkämpfte und 1066 bei Stamford Bridge beim Versuch, England zu erobern, den Schlachtentod fand.



Die Religion der Wikinger

Auch wenn es heute anders erscheinen mag: Über die heidnische Religion der Wikinger wissen wir wenig genug. Die erste systematische Beschreibung dieser Religion stammt aus der Prosa-Edda aus der Feder von Snorri Sturluson. Zu diesem Zeitpunkt, zum Beginn des 13. Jahrhunderts, war Skandinavien bereits über 200 Jahre christianisiert, weswegen sich konkrete Rückschlüsse auf die religiösen Vorstellungen und Praktiken der frühen Wikinger eigentlich verbieten.



Wir kennen zwar die Hauptgottheiten Odin, Thor, Freyr und die Göttin Freyja sowie die wichtigsten mythischen Erzählungen (jedenfalls ihrem groben Inhalt nach), wissen etwa, dass die öffentliche Form des Kults das Opfer (oft eines männlichen Tieres) mit entsprechenden Festakten darstellte, viele Aspekte müssen aber mit großen Fragezeichen versehen werden: Gab es tatsächlich Menschenopfer? Wie war das Festjahr strukturiert, wie gestaltete sich der persönliche religiöse Kult? Wir wissen es nicht.



Selbst ausführliche und anschauliche Berichte wie jene des Bremer Chronisten und Kirchenmanns Adam, der von dem wikingischen Kultzentrum in Uppsala (in Schweden) berichtet, sind aufgrund ihrer Färbung und Distanz immer mit einer gesunden Portion Skepsis zu betrachten:



26. Nobilissimum illa gens templum habet, quod Ubsola dicitur, non longe positum ab Sictona civitate [vel Birka]. In hoc templo, quod totum ex auro paratum est, statuas trium deorum veneratur populus, ita ut potentissimus eorum Thor in medio solium habeat triclinio; hinc et inde locum possident Wodan et Fricco. […] 27. Omnibus itaque diis suis attributos habent sacerdotes, qui sacrificia populi offerant. Si pestis et fames imminet, Thor ydolo lybatur, si bellum, Wodani, si nuptiae celebrandae sunt, Fricconi. Solet quoque post novem annos communis omnium Sueoniae provintiarum sollempnitas in Ubsola celebrari. Ad quam videlicet sollempnitatem nulli prestatur immunitas. Reges et populi, omnes et singuli sua dona transmittunt ad Ubsolam, et, quod omni pena crudelius est, illi, qui iam induerunt christianitatem, ab illis se redimunt cerimoniis. Sacrificium itaque tale est: ex omni animante, quod masculinum est, novem capita offeruntur, quorum sanguine deos [tales] placari mos est. Corpora autem suspenduntur in lucum, qui proximus est templo. Is enim luctus tam sacer est gentilibus, ut singulae arbores eius ex morte vel tabo immolatorum divinae credantur. Ibi etiam canes et equi pendent cum hominibus, quorum corpora mixtim suspensa narravit mihi aliquis christianorum LXXII vidisse. Ceterum neniae, quae in eiusmodi ritu libationis fieri solent, multiplices et inhonestae, ideoque melis reticendae. – Adam von Bremen, Bischofsgeschichte der Hamburger Kirche, in: Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der hamburgischen Kirche und des Reiches, neu übertragen von Werner Trillmich, Darmstadt 1978 (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 11), V, 26-27, S. 470-473.



26. Dieses Volk besitzt einen besonders angesehenen Tempel in Uppsala, nicht weit vom Ort Sigtuna und von Birka entfernt. In diesem ganz aus Gold gefertigtem Tempel verehrt das Volk die Bilder dreier Götter; als mächtigster hat in der Mitte des Raumes Thor seinen Thronsitz. Den Platz rechts und links von ihm nehmen Wodan und Frikko ein. […] 27. Allen ihren Göttern haben sie Priester zugeteilt, die des Volkes Opfer darbringen. Wenn Seuchen und Hunger drohen, wird dem Götzen Thor geopfert, steht Krieg bevor, dem Wodan, soll eine Hochzeit gefeiert werden, dem Frikko. Auch wird alle neun Jahre in Uppsala ein gemeinsames Fest aller schwedischen Stämme begangen. Für dieses Fest wird niemand von Leistungen befreit. Könige und Stämme, die Gesamtheit und die Einzelnen, alle bringen ihre Opfergaben nach Uppsala, und es übertrifft jede Strafe an Härte, dass selbst diejenigen, die schon das Christentum angenommen haben, sich von diesem Kult freikaufen müssen. Die Opferfeier geht folgendermaßen vor sich: von jeder Art männlicher Lebewesen werden neun Stück dargebracht; mit ihrem Blut pflegt man die Götter zu versöhnen. Die Leiber werden in einem den Tempel umgebenden Haine aufgehängt. Dieser Hain ist den Heiden so heilig, dass man glaubt, jeder einzelne Baum darin habe durch Tod und Verwesung der Schlachtopfer göttliche Kraft gewonnen. Da hängen Hunde, Pferde und Menschen; ein Christ hat mir erzählt, er habe 72 solche Leichen ungeordnet nebeneinander hängen sehen. Im Übrigen singt man bei solchen Opferfeiern vielerlei unanständige Lieder, die ich deshalb lieber verschweigen will.



Selbst heute weit bekannte Konzepte wie das wikingerzeitliche Jenseits Walhalla weisen große weiße Flächen auf:



Walhall (valhöll, eigtl. „Halle der Gefallenen“) bezeichnet ursprünglich das von Gefallenen übersäte Schlachtfeld, aus dem erst spät und unter Einfluss christlicher Paradiesvorstellungen das wikingische Kriegerparadies des Wikingermythos wird. Hier werden dann die Gefallenen (die sog. einherjar) von den Walküren zu ihren Plätzen in Odins herrlicher Halle geleitet, wo sie den ganzen Tag über kämpfen, abends wieder lebendig beisammen sitzen, Met trinken und Schweinefleisch essen, um am nächsten Tag das gleiche Spiel wieder von vorne zu beginnen – offenbar bis in alle Ewigkeit. Diese nur allzusehr an heutige Wikingeraufführungen erinnernde Vorstellung wurde in dieser Form überhaupt erst im Hochmittelalter formuliert […], doch reichen auch die Wurzeln derartiger Konzepte nicht weiter als bis vor die 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts zurück. – Simek, Die Wikinger, S. 117.



Spätestens mit ihrem längeren Verbleib in anderen Regionen übte das Christentum einen immer größeren Einfluss auf die Wikinger aus. Die Annahme des neuen Glaubens war nicht zuletzt ein Politikum, wodurch das Christentum in einem ersten Schritt insbesondere für die Bevölkerungselite attraktiv wurde, die sich davon mehr Einfluss und Akzeptanz versprach. War Skandinavien zu Beginn des 9. Jahrhunderts noch heidnisch, begann sich der Einfluss des Christentums nach und nach auszuweiten, insbesondere auch durch die Missionsversuche wie jene des Hl. Ansgar. Nachhaltigen Durchbruch zeitigten die Bekehrungen von wichtigen skandinavischen Herrschern. 965 nahm etwa der Däne Harald Blauzahn den neuen Glauben an, während die Bekehrung Schwedens noch bis zum Ende des 11. Jahrhunderts andauern sollte.



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Normannen, die das Christentum annahmen, avancierten rasch zu eifrigen Förderern von Kirche und christlichem Glauben. Die beeindruckende Abtei Mont-Saint-Michel in Nordfrankreich etwa profitierte in hohem Maße von der Förderung durch die normannischen Herzöge.



Der Aufstieg der Normannen

Mit der Belehnung Rollos und der Ausbildung des Herzogtums Normandie entstand eine neue Keimzelle normannischer christlicher Expansion. Bereits vor der Eroberung Englands durch Wilhelm zog es Normannen aus der Normandie in alle Welt. Insbesondere im fernen Süditalien und auf Sizilien fanden die versierten Krieger ein Betätigungsfeld, das sie bald nach ihren Vorstellungen formen sollten.



Denn Süditalien bildete im 11. Jahrhundert einen Flickenteppich rivalisierender Mächte. Byzanz, der Heilige Stuhl, die römisch-deutschen Herrscher, langobardische Fürsten wie auch einfallende Muslime stritten auf überschaubarem Raum um die Vormachtstellung. Entsprechend groß war auf jeder Seite der Bedarf nach fähigen Kriegern. Rasch operierten dort auch normannische Kontingente, welche in wechselhaften Allianzen Profit aus der Situation zogen. Federführend wurden dabei Mitglieder aus der normannischen Familie der Hauteville, die sich auch mit Land bezahlen ließen und in den einheimischen Adel einheirateten. Der Normanne Robert Guiskard († 1085) stieg schließlich mit päpstlicher Anerkennung (die mit Gewalt erzwungen wurde) zum Herzog von Apulien und Kalabrien auf.



Auch als Kreuzritter traten die Hauteville hervor. Bohemund von Tarent, der älteste Sohn von Robert Guiskard, war einer der Anführer des ersten Kreuzzugs und erstritt sich im Heiligen Land das Fürstentum Antiochia.



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Die Normannen griffen von Sizilien aus auf Nordafrika und Malta aus. Dort haben sie bis heute in der Architektur ihre Fingerabdrücke hinterlassen.



Dessen Nachfahre Roger II. wurde drei Generationen später im Jahr 1130 zum König von Sizilien gekrönt, nachdem Normannen die Insel von den Muslimen zurückerobert hatten. Hier schuf er ein normannisches Königreich, das auch Besitzungen in Nordafrika besaß und sich durch viele kulturelle und religiöse Einflüsse auszeichnete, die dort nebeneinander koexistieren durften. Schließlich ging das normannische Königreich durch Heirat an den römisch-deutschen Herrscher Heinrich VI.



Fazit

Die Geschichte von Wikingern und Normannen ist so facettenreich, dass man mit ihr in den Bibliotheken viele Regalmeter gefüllt hat. Heidnische Seeräuber und christliche Kreuzritter, Kirchenplünderer und Kirchenerbauer, wild und hemmungslos, streng und fromm. Über 400 Jahre Geschichte, die sich von den eisigen Fjorden Norwegens, über die unbekannten Gestade Amerikas bis nach Sizilien, Nordafrika und ins Heilige Land erstrecken. Nicht zuletzt diese große Vielfalt lädt bis heute zur Beschäftigung mit Wikingern und Normannen ein.



Literatur

[1] Vgl. einführend zu dem Thema aus der Fülle der Literatur Rudolf Simek, Die Wikinger, München 42005; Ders., Die Geschichte der Normannen: von Wikingerhäuptlingen zu Königen Siziliens, Ditzingen 2008; Hubert Houben, Die Normannen, München 2012 (= Beck’sche Reihe Wissen 2755); Alheydis Plassmann, Die Normannen: erobern – herrschen – integrieren, Stuttgart 2008 (= Urban-Taschenbücher 616).

[2] Vgl. etwa Martin Zimmermann, Der Historiker am Set, in: Thomas Fischer / Rainer Wirtz (Hrsg.), Alles authentisch? Popularisierung der Geschichte im Fernsehen, Konstanz 2008, S. 137-160.

[3] Vgl. Otto Gerhard Oexle, Das entzweite Mittelalter, in: Gerd Althoff (Hrsg.), Die Deutschen und ihr Mittelalter. Themen und Funktionen moderner Geschichtsbilder vom Mittelalter, Darmstadt 1992 (= Ausblicke. Essays und Analysen zu Geschichte und Politik), S. 7-28.

[4] Vgl. zu dem Thema Rudolf Simek, Die Schiffe der Wikinger, Stuttgart 2014.

[5] Vgl. dazu knapp Simek, Die Wikinger, S. 47.

[6] Vgl. dazu Hans Hattenhauer, Die Aufnahme der Normannen in das westfränkische Reich. Saint Clair-sur-Epte AD 911, Hamburg 1990 (= Berichte aus den Sitzungen der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften).

[7] Vgl. zur Christianisierung der Normannen Martin Kaufhold, Die wilden Männer werden fromm. Probleme der Christianisierung in der Frühzeit der Normandie, in: Historisches Jahrbuch Bd. 120 (2000) S. 1-38.